Handbuch 5. Auflage

Erwachsenenbildung  385 Resümierend kann festgestellt werden, dass zuneh- mend Formen und Dimensionen des Erwachse- nenlernens in den Vordergrund treten, die ein revi- diertes Lernverständnis erzwingen. Erwachsene lernen erfolgreich und sinnverstehend, wenn sie nicht Element für Element eines gleichsam enzy- klopädisch angehäuften und in mannigfache Lern- ziele zerlegbaren oder bereits zerlegten Wissens- bestands adaptieren, sondern die Möglichkeit ausbilden bzw. hervorbringen können, beispiels- weise die „Ernstsituation“ ihres zukünftigen all- tagspraktischen und / oder beruflichen Handelns etwa in Hinblick auf technologische Veränderun- gen /Herausforderungen zu antizipieren, indem derartige Situationen in moratoriumsähnlichen Formen einer Erwachsenenbildung gleichsam ge- danken-experimentell simuliert werden. Folglich steht nicht die Vermittlung „relevanten“ Wissens in systematischer und explizierter Form im Vorder- grund eines derartigen Bildungsprozesses, sondern der Erwerb einer Kenntnis der Regeln „kompeten- ten“ Handelns. Dieser implizite Lern- und Er- werbsprozess ist nicht mit dem hergebrachten Konzept „Learning By Doing“ zu verwechseln. In Differenz zu jenem Ansatz, dem ein recht naives Verständnis der Relationen von Theorie und Praxis zugrunde liegt, da in der Folge lediglich suggeriert wird, dass es nicht ausreiche, „bloß“ Theoriewissen zu lernen, geht es in den hier in Rede stehenden eher impliziten Bildungsprozessen nicht um den Erwerb konkreter Handlungsmuster, sondern um den Erwerb von Strukturen (Levi-Strauss 1975; Piaget 1976). In linguistischer Terminologie lässt sich dann behaupten, dass es nicht um Perfor- manz-, sondern um Kompetenzlernen geht (vgl. Knoblauch 2010). In impliziten Bildungsprozessen wird im erfolg- reichen Fall eine generative Regelstruktur erwor- ben, gewissermaßen eine Handlungsgrammatik, auf deren Basis der Vollzug kompetenter Hand- lungen erst aussichtsreich wird. Diese lässt sich aber kaum als kognitiv-expliziter Wissensbestand bzw. als Handlungstechnologie erwerben. Bei- spielsweise kann die Kenntnis der Grammatik ei- ner Fremdsprache, d. h. die Fähigkeit, ihre Regeln explizit angeben zu können, allemal mit der Un- fähigkeit einhergehen, die fremde Sprache akzep- tabel zu sprechen. Umgekehrt kann eine völlige Regelunkenntnis kompatibel sein mit der perfek- ten lebens- oder berufspraktischen Sprachbeherr- schung. Mit anderen Worten: Regeln werden in ihrem sozialen Gebrauch, in der konkreten sozia- len Situation verständlich. Dieser Diskrepanz zwi- schen kognitiv-explizitem und struktural-implizi- tem Wissen entspricht in der Alltags- und Berufserfahrung die Diskrepanz zwischen rationa- ler Einsicht und formaler Kenntnis einerseits und faktischem, situativem Können oder Verhalten andererseits. „Alltagskompetenz“ schließt stets ein Können ein. Ihre Vermittlung ist über explizite Formen des Lernens nur sehr unvollständig mög- lich, da Kompetenz generell bedingt, den struktu- rellen Kern von Bildungsangeboten immer wieder für jede konkrete Situation des Handelns neu zu rekonstruieren und situationsbezogen anzueignen. Es geht folglich nicht um die mehr oder weniger perfekte Beherrschung von Lerntechniken beim Umgang mit bzw. bei der Beurteilung von „neuen“ Bildungsangeboten, sondern um ein grundlegend anderes Verständnis von Lernen (Dewe 1999a; Dewe /Weber 2007b). In Rede steht das stets auf vorhandene Deutungsmuster verwiesene Lernen und Aneignen von Aspekten praktischer Hand- lungsfähigkeit im Kontext der „Vergewöhnli- chung“ des Neuen in einer komplexen Lebens- praxis. Literatur Achtenhagen, F., Lempert, W. (Hrsg.) (2000): Lebenslanges Lernen im Beruf – seine Grundlegung im Kindes- und Jugendalter. 5 Bde. Leske+Budrich, Opladen Axmacher, D. (1986): Grenzenlos. Über die wachsende Schwierigkeit, von „Erwachsenenbildung“ zu sprechen. päd extra, Magazin für Erziehung, Wissenschaft und Poli- tik 10, 19–21 Ballauff, G. (1958/2008): Erwachsenenbildung – Sinn und Grenzen (Neuauflage). Schneider, Hohengehren Barz, H., Tippelt, R. (2009): Lebenswelt, Lebenslage, Lebens- stil und Erwachsenenbildung, In: Tippelt, R., Hippel, A.v. (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. VS Verlag, Wiesbaden, 117–136 Beck, U., Gernsheim, E. (Hrsg.) (1994): Riskante Freiheiten. Suhrkamp, Frankfurt/M. Bergs-Winkels, D. (1998): Weiterbildung in Zeiten organisa- tionskultureller Revolution. Dr. Kovac, Hamburg

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