Handbuch 5. Auflage

40 Ristau-Grzebelko  kompensatorische und positiv zu bewertende Erziehung und Betreuung zu erfahren, steht auf der anderen Seite die Position des Deutschen Ju- gendinstituts (1987). Diese sieht in der Jugendhil- femaßnahme nicht nur eine mögliche kurze- bis mittelfristige Hilfemaßnahme, bei der die Rück- führung des Kindes in die Herkunftsfamilie in der Regel vorgesehen ist, sondern auch eine Institution, die die Bindung des Kindes an seine Eltern akzep- tiert und zur Kooperation mit der Herkunftsfami- lie bereit sein soll. In einem erweiterten Eltern- Subsystem (Gudat 1987) sollen Pflegeeltern und Herkunftseltern gemeinsam handelnd dazu beitra- gen, die Loyalitätskonflikte auf Seiten der Kinder zu vermeiden. Neben der Eltern- vs. Kindorientie- rung und / oder der Orientierung am Ergänzungs- vs. Ersatzfamilienkonzept der MitarbeiterInnen der Jugendhilfe werden diese Polarisierungen erst mit der Untersuchung von Gehres (2005) neu dis- kutiert. In der Perspektive, das Konzept der „Pfle- gefamilie als eine andere Familie“ (Gehres 2005, 247) für die Sozialisation von Kindern und Jugend- lichen zu begründen, werden die beiden Modelle, das exklusive sowie das inklusive Konzept pflegefa- milialer Sozialisation, dialektisch aufgehoben und ihre jeweiligen Stärken fallspezifisch genutzt, um optimale Spielräume für den Autonomiebildungs- prozess der Pflegekinder zu gewährleisten. In Anbetracht der widersprüchlichen strukturellen Ausgangslage von Pflegeverhältnissen mit primär rollenförmig begründeten und gerahmten Sozial- beziehungen im Gegensatz zu diffus strukturierten familialen Milieus, zeigen die Fallanalysen, dass es unabhängig vom jeweiligen Selbstverständnis von Pflegefamilien als Ersatz- oder Ergänzungsfamilie beim Zusammenleben von Pflegekindern und Pfle- geeltern im Alltag zu einer Vermischung von diffu- sen und spezifischen Beziehungsanteilen kommt, bei der eine „unbedingte Solidarität bis auf Wei- teres“ entsteht. Den als konstitutiv für Pflegever- hältnisse anzusehenden Widerspruch gilt es nicht zu überwinden, sondern damit in dem Sinne um- zugehen, dass eine Zusammenarbeit zwischen Pfle- geeltern und Herkunftseltern möglich wird und sich alle Akteure darin einig werden, für die Sozia- lisation des Pflegekindes mit verantwortlich zu sein. In der fallübergreifenden Perspektive können für das Gelingen von Identitätsbildungsprozessen in Pflegefamilien insbesondere die eigenen Erfah- rungen der Pflegeeltern im Sinne von sozialer Des- integration angeführt werden. Diese Erfahrungen in ihrer Biografie und deren generationelle Ein- bindungen können Pflegeeltern zu „Experten für Fremdheit“ (Gehres 2005, 268) werden lassen und bilden damit eine konstruktive Grundlage für ei- nen sich stabilisierenden Sozialisationsprozess der Pflegekinder. Offenheit und Reflektion im Um- gang mit den Konstitutionsbedingungen pflegefa- milialer Sozialisation und doppelter Elternschaft bilden dann die Grundlage, die Komplexität öf- fentlicher Sozialisation besser zu verstehen und die Identitätsbildungsprozesse von Pflegekindern bes- ser zu rahmen und wenn nötig aktiv zu gestalten. Auf Seiten der Pflegeeltern setzt eine partielle Ko- operation mit den Herkunftseltern eine Sichtweise voraus, die leiblichen Eltern als „Repräsentanten eines anderen, nur unzulänglich ausgestatteten Fa- milienmodells [zu] verstehen, das zentrale Ent- wicklungsaufgaben ihrer Kinder nicht genügend unterstützen kann und daher auf Hilfe der Pfle- geeltern angewiesen ist“ (Gehres 2005, 268; Ein- fügung: B. R.-G.). Insgesamt könnte und sollte eine qualifizierte Pfle- gekinderhilfe im System der Erziehungshilfen eine bedeutendere Rolle einnehmen als bisher. Ein Mo- dell der Weiterentwicklung insbesondere auf der Ebene der Pflegepersonen mit dem Ziel, entwick- lungsförderliche Bedingungen für fremd zu plat- zierende Kinder und Jugendlichen zu schaffen, könnte folgendermaßen gestaltet werden: Wahrnehmung der individuellen familien- und be- ■ ■ rufsbiografischen Erfahrungen der Pflegepersonen, Vermittlung des Wissens, dass das pflegefamilial- ■ ■ familienpädagogische Tätigkeitsfeld betrifft, in ei- ner Maßnahme der Eignungsfeststellung, Matching: fachliche Vermittlung eines Kindes oder ■ ■ Jugendlichen in die Pflegefamilie, individuelle Angebote oder Gruppenangebote der ■ ■ themenspezifischen Praxisreflexion und Qualifizie- rung während des bestehenden Betreuungsver- hältnisses, monatliche Fallverlaufsbesprechungen (Einzel- ■ ■ angebot), monatliche Supervision (Gruppenangebot). ■ ■ Der mit jeder Pflegeperson damit gestartete per- sonenbezogene Ausbildungsprozess geht über die Lernfelder einer Qualifizierungsmaßnahme hinaus und nimmt insbesondere die der Praxiserfahrungen

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