Handbuch 5. Auflage

410  Evaluation und Evaluationsforschung Von Axel Groenemeyer und Holger Schmidt Evaluation ist eine Idee von bestechender Ein- fachheit. Die Betrachtung und Bewertung von Ergebnissen und Folgen zielorientierten Handelns ist ein Vorgang, der im Alltag immer und überall routinemäßig und selbstverständlich eingesetzt wird, wenn Entscheidungen getroffen werden und Handeln mit gemachten Erfahrungen in Ein- klang gebracht werden. So weisen denn auch viele Autoren darauf hin, dass Evaluation ein Vorgang ist, der so alt wie die Menschheit sei (z. B. Stock- mann 2004). Wenn es um politische oder profes- sionelle Entscheidungsprozesse geht, ist die For- derung nach Evaluierung unwiderstehlich, sie weiht Entscheidungen, Maßnahmen, Programme oder Interventionen mit einer höheren Rationali- tät oder entzieht ihnen jeglichen Sinn und jegliche Legitimation. Evaluation ist zu einem modernen Zauberwort für Politik und professionelle Praxis geworden. Sobald Evaluation mehr meint als Handeln im Kontext irgendeiner Art der Bewertung von Fol- gen und Erfahrungen und z. B. danach gefragt wird, wie Evaluation funktioniert, an welchen Kriterien eine „gute“ Evaluation ausgerichtet sein soll und welche Bedeutung sie hat, wird die Sache kompliziert und völlig unübersichtlich. So gibt es mittlerweile ausufernde Diskussionen darüber, was eigentlich Evaluation ist, ob und wie man sie von Evaluationsforschung abgrenzen kann und soll, welche Formen von Evaluation es gibt, wel- che methodischen Anforderungen an eine Evalua- tion zu stellen sind und welche Rolle ihr für poli- tische Entscheidungen oder die professionelle Praxis zukommt oder kommen soll. Modelle, Formen und Begriffe der Evaluation Vor dem Hintergrund der steigenden politischen Bedeutung von Evaluation und Qualitätsmanage- ment, der allgemeinen Entwicklung von Methoden und Methodologien der empirischen Sozialfor- schung, noch stärker aber in Auseinandersetzung mit den Fragen der Verwendung wissenschaftlichen Wissens und der Politik- und Praxisrelevanz von Evaluationen hat sich das Feld in unübersichtlicher Weise ausdifferenziert und zu einer kaum zu syste- matisierenden Vielzahl an Evaluationsmodellen und zu einem „Begriffswirrwarr“ geführt, in dem nahezu jede Art der Reflexion über Politik und professionelle Praxis in irgendeiner Weise mit dem Etikett Evaluation belegt worden ist. Dies beginnt bereits mit der Unterscheidung von Evaluation und Evaluationsforschung . Während in der Entwicklung der Evaluation nach dem 2. Welt- krieg zunächst in den USA, dann später auch in Deutschland Evaluation immer mit Evaluationsfor- schung gleichgesetzt wurde, melden sich in den letzten Jahren, insbesondere aus der professionellen Praxis vermehrt Stimmen, die gerade mit Hinblick auf die Praxisrelevanz der Evaluation eine explizite Abkehr von einer Orientierung an sozialwissen- schaftlichen Methoden der empirischen Sozialfor- schung fordern und damit Evaluation von Evaluati- onsforschung deutlich abgrenzen. Parallel dazu und mit ähnlichen Argumenten haben sich auch die Me- thoden der Evaluationsforschung bzw. der Evalua- tion ausdifferenziert. Während zunächst Evaluati- onsforschung als quantitative sozialwissenschaftliche Kausalanalyse konzipiert war (Lange 1999), haben sich bereits seit den 1970er Jahren zunehmend Po- sitionen entwickelt, die qualitative und interpreta- tive Forschungsmethodologien in die Evaluations- forschung eingebracht und populär gemacht haben Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art038, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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