Handbuch 5. Auflage
42 Adressatin und Adressat Von Maria Bitzan und Eberhard Bolay Perspektivenwechsel: Adressatenorientierung Der zunächst neutral erscheinendeTerminus „Adres- sat/Adressatin“ gewann seit den 1980er Jahren an Bedeutung, versprach er doch eine doppelte Ab- grenzung: zum einen gegen den bis dahin dominan- ten, mit paternalistischen Konnotationen einher- gehenden Begriff „Klientin/Klient“, zum anderen gegenüber dem eine versachlichte Leistungsbezie- hung suggerierenden Terminus „Kundin/Kunde“. Verstärkt wurde diese begriffspolitische Verschie- bung durch demokratisierungsorientierte, auf Par- tizipation und Emanzipation zielende soziale Be wegungen sowie durch Bemühungen um die Verminderung des expertokratischen Machtgefälles zwischen Professionellen und KlientInnen. Aufgela- den mit dem normativen Impetus des Respekts vor dem Eigensinn von AdressatInnen sollte darüber auch das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Betrof- fenen neu justiert werden. (1) Im disziplinären Diskurs schälten sich nach und nach neue, den Eigensinn und die Würde der Sub- jekte in den Vordergrund rückende Leitkonzepte heraus. Vor allem über die Reflexion der Katego- rien „Alltag“, „Lebenswelt“ und „Dienstleistung“ setzte sich die sozialwissenschaftliche Rethematisie- rung des Subjektverständnisses in spezifischer Weise in den disziplinären Debatten der Sozialen Arbeit um. In den Mittelpunkt rückte zunehmend die Frage, inwiefern und auf welche Weise institu- tionelle Angebote auf die Lebenslagen und die pro- duktiven wie unproduktiven Bewältigungsleistun- gen der Betroffenen eingehen. Angesichts der Ausdifferenzierung von Problemstellungen und der Ausweitung der Leistungsangebote zeigte sich, dass eine in Standardisierungen und Deutungsklischees befangene Soziale Arbeit obsolet wird und sie sich in ihren Angeboten flexibler, individueller und passgenauer für die AdressatInnen zeigen muss (Bitzan et al. 2006, 280). Mit der Adressatenorien- tierung verbindet sich mithin ein Perspektiven- wechsel: Statt der Fokussierung eines „Problems“ rücken als prinzipiell handlungsfähig definierte In- dividuen in den Vordergrund, die gegebenenfalls Unterstützung benötigen. Im Zuge dieser Entwick- lungen wird der AdressatInnenbegriff normativ- emanzipatorisch aufgeladen. (2) Lüders und Rauschenbach (2001, 564 ff.) mar- kierten in ihrem Beitrag zur disziplinären Forschung neben der Institutions- und Professionsforschung die Adressatenforschung als dritten konstitutiven Bestandteil disziplinärer Forschungsbemühungen. Im Fokus steht die analytische Verzahnung der ge- sellschaftlichen Konstruktion des Bedarfs und der gesellschaftlichen Konstruktion der Adressatinnen und Adressaten; Adressatenforschung zielt zum ei- nen auf die Rekonstruktion der Perspektive der AdressatInnen und ihrer Lebenssituation, zum an- deren auf die Analyse der sie umgebenden sozialen und institutionellen Umwelt. Einen Überblick über den Stand der AdressatInnenforschung in der Sozialen Arbeit zu geben ist hier aus Platzgründen nicht möglich. Erste Systematisierungen von Er- gebnissen der Adressatinnen- und Nutzerforschung (Hanses 2005; Oelerich / Schaarschuch 2005; Bit- zan et al. 2006) zeigen jedoch, dass sich erst ansatz- weise eine diskursive Verschränkung abzeichnet und Einzelbeiträge (überwiegend im Rahmen wis- senschaftlicher Begleitforschung) sich bislang rela- tiv deutlich auf den Bereich der Jugendhilfe kon- zentrieren; eine Erweiterung auf alle Felder der sozialpädagogischen Dienstleistungen steht noch aus. Disziplinäre Forschung, die sich der Adressa- tenperspektive annimmt, rückt also zunächst den Institutions- und Professionsfokus der Fragestel- lungen in den Hintergrund, erbringt Ergebnisse zu subjektiven Bewältigungsweisen und zu biografi- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art003, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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