Handbuch 5. Auflage
Adressatin und Adressat 43 schen Verarbeitungsprozessen von sozialpädagogi- schen Angeboten und reflektiert sie zugleich auch als Resultat institutioneller Regulierungen. (3) Diese Argumentationskontexte in Profession und Disziplin reflektieren gesellschaftliche Ent wicklungen , in denen Individualisierung als Frage nach dem Verhältnis von Subjekt und institutio- nalisierten Hilfen in unterschiedlichen Bedeu- tungshorizonten virulent wird: Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse lockerten seit der zwei- ten Hälfte des 20. Jahrhunderts die engen Vor- gaben der Klassen- und teilweise auch Geschlech- terlagen, ermöglichten und erforderten zugleich Individualisierungen der Lebensformen und Ent- wicklungsmöglichkeiten, beschleunigten Prozesse der Pluralisierung von Lebenslagen und differen- zierten Problemlagen und Bewältigungsweisen weiter aus; in der Neustrukturierung der Sozialen Dienste werden neben der Kritik gestiegener Sozialausgaben sowohl im politischen wie im Fach- diskurs (wenngleich mit teilweise anderen Begrün- dungen) passgenauere Hilfen eingefordert, die die subjektiven Voraussetzungen von AdressatInnen mit einbeziehen, um angemessenere Angebote zu gestalten und die Ausgaben effektiver und effizien- ter einzusetzen. Im Zuge der neoliberalen Um- steuerungen in der Sozialpolitik werden ordnungs- politische Vorstellungen deutungsmächtig, die den Staat in der unmittelbaren Verantwortung für die Daseinsvorsorge entlasten wollen und ihn in „akti vierungspolitischer“ Absicht stärker als Organisator einer von den Bürgerinnen und Bürgern selbst übernommenen Verantwortung durchzusetzen su- chen; nicht zuletzt der Sozialen Arbeit wird dabei die Funktion einer „Aktivierungsagentur“ zu- geordnet (Otto 1999; Kessl 2006). Die fachliche Perspektive der AdressatInnenorientierung muss sich daher der aktuellen politischen Konnotatio- nen von Individualisierungsprozessen und Akti- vierungsstrategien bewusst sein. Eine unreflek- tierte Adressatenfokussierung wäre lediglich Reflex auf neoliberale Intentionen und würde den kri- tisch-normativen Impetus konterkarieren. Die hier knapp skizzierte Entwicklung verweist auf un- geklärte Momente im Adressatenbegriff und for- dert eine schärfere theoretische Profilierung. Konturen eines kritischen AdressatInnenbegriffs Wenn es auch gemäß der strukturellen Rahmung des Auftrags der Sozialen Arbeit einen weitgefass- ten Adressatenbegriff gibt (Politik, Kostenträger, Öffentlichkeit und Klientel; Flösser et al. 1998, 236), begrenzen wir für die weiteren Überlegungen die Kategorie Adressatin / Adressat auf die unmittel baren EmpfängerInnen von Leistungen und An- geboten der Sozialen Arbeit. In dieser Perspektive benötigt die Praxis Sozialer Arbeit Wissen darüber, welche Selbstsichten und Eigentheorien die Be- treffenden einnehmen, welche Ressourcen und Kompetenzen zur Bewältigung vorliegen und wie sich Prozesse sozialer Destabilisierung entwickeln (Hanses 2003). Diese Ausgangsüberlegung legt nahe, die theoretische Konturierung des Adressa- tenbegriffs vom Fokus der Ausbildung bzw. Wie- derherstellung von Handlungsfähigkeit her zu be- stimmen: Handlungsfähigkeit sowohl als personales Moment, also als mehr oder weniger ausgebildete Kapazität von AdressatInnen in der Bewältigung ihrer Herausforderungen, wie auch als Rahmung (Struktur), die Handeln ermöglicht. In eine ähn- liche Richtung weisen Überlegungen zum Capabi- lityansatz (Otto / Ziegler 2008) und zum Agency- begriff (Homfeldt et al. 2008). Es geht also im Folgenden um eine theoretische Klärung des hand- lungsfähigen Subjekts mit spezifischen Bezügen auf die institutionalisierte Soziale Arbeit, sozusagen um dessen „sozialpädagogische Disposition“. Die- ser Zugriff erlaubt es, die Erörterungen auf die ganze Breite des fachlichen Feldes zu beziehen. Fragen der spezifischen Konstruktion von Adressa- tInnen wie auch von Spielräumen in ihrer Hand- lungsfähigkeit differenzieren sich dann je nach Lebenslage und Arbeitsfeld (Bildung und offene Angebote bis hin zur massiven Intervention) unter- schiedlich aus. Im Folgenden werden aus verschie- denen Diskursen Hinweise aufgenommen zu den Fragen, wie sich Handlungsfähigkeit ausbildet, welchen Einflüssen dieser Prozess unterliegt und welche Rolle das Gefüge Sozialer Arbeit dabei ein- nimmt.
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