Handbuch 5. Auflage
420 Groenemeyer · Schmidt zu präsentieren und ein dadurch vermeintlich bes- seres Produkt als Konkurrenten anbieten zu kön- nen. Allerdings reicht häufig schon die Durchführung von Evaluationen, um einen Legitimationsgewinn zu erreichen, sofern damit der Anschein erweckt werden kann, es handele sich um ein wissenschaft- liches Projekt, das allein dadurch schon an Seriosi- tät gewinnt. Der Nutzen einer Evaluation muss nach Lüders (2006) nicht die produzierten Er- kenntnisse sein, die im Anschluss Verwendung finden, sondern bereits durch den Auftrag und die Durchführung wird für die Stakeholder (Verwal- tung, Politik, Öffentlichkeit) eine Legitimation produziert, die letztlich nicht von den Ergebnissen abhängig ist. Im Vordergrund der Evaluation steht der Zweck, den Anschein zu erwecken, rational auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse zu agie- ren, unabhängig davon, ob dies der Realität ent- spricht. Von daher wird auch die inflationäre Aus- differenzierung des Evaluationsbegriffs als ein Mechanismus erklärbar, mit dem jeglicher Refle- xion über die eigene Arbeit der Anstrich von Wis- senschaftlichkeit verliehen wird. Der Rückgriff auf wissenschaftlich scheinende Begründungsmuster verspricht nach wie vor eine hohe Reputation, auch wenn paradoxerweise gleichzeitig die Eindeutigkeit und Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Expertise zunehmend in Zweifel gezogen werden (Weingart 2001). Allerdings hat diese Art der Verwendung von Eva- luationen durchaus ihre eigene Rationalität, denn die infolge des Evaluationsnachweises eigentlich notwendige Rezeption und Bewertung der Evalua- tionsberichte durch Verwaltung und Politik kann aufgrund der Masse an Berichten, aber auch auf- grund fehlender Methodenkenntnisse überhaupt nicht mehr geleistet werden. Von daher ist es durchaus berechtigt, von „Evaluation als moder- nem Ritual“ zu sprechen (Power 1979; Schwarz 2004). Literatur Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention (Hrsg.) (2003): Evaluierte Kriminalitätsprävention in der Kinder- und Jugendhilfe. Erfahrungen und Ergebnisse aus fünf Modellprojekten. Deutsches Jugendinstitut e.V., München Beywl, W. (2006): Evaluationsmodelle und qualitative Me- thoden. In: Flick, U. (Hrsg.): Qualitative Evaluationsfor- schung. Rowohlt, Reinbek, 92–116 Bohnsack, R., Nentwig-Gesemann, I. (Hrsg.) (2010): Doku- mentarische Evaluationsforschung. Theoretische Grundla- gen und Beispiele aus der Praxis. Barbara Budrich, Lever- kusen Deutsche Gesellschaft für Evaluation (2008): Standards für Evaluation. DeGEval – Gesellschaft für Evaluation, Mainz Eichler, D., Merkens, H. (2006): Organisationsforschung mit qualitativen Methoden – Erfahrungen aus der Evalua- tion eines freien Jugendhilfeträgers. In: Flick, U. (Hrsg.): Qualitative Evaluationsforschung. Rowohlt, Reinbek, 301–318 Flick, U. (Hrsg.) (2006): Qualitative Evaluationsforschung. Konzepte – Methoden – Umsetzung. Rowohlt, Reinbek Frey, F. (2008): Chancen und Grenzen von Wirkungsorientie- rung in den Hilfen zur Erziehung. VS Verlag, Wiesbaden Glaser, M., Schuster, S. (Hrsg.) (2007): Evaluation präventi- ver Praxis gegen Rechtsextremismus. Positionen, Konzepte und Erfahrungen. Deutsches Jugendinstitut e.V., Halle/Saale Groenemeyer, A. (1990): Drogenkarriere und Sozialpolitik. Entwicklungsbedingungen der Drogenabhängigkeit und Möglichkeiten der Intervention durch stationäre Behand- lung. Centaurus, Pfaffenweiler –, Birtsch, V. (1991): Frauen und Männer mit Kindern in der Drogentherapie. Erfahrungen und Evaluation in der Dro- genhilfe Tübingen. ISS, Frankfurt/M. Guba, E.G., Lincoln, Y.S. (1989): Fourth Generation Eva- luation. Sage, Newbury Park, CA Haubrich, K. (2009): Evaluation in der Sozialen Arbeit in Deutschland. Entwicklungslinien und Besonderheiten der Evaluationsdebatte am Beispiel der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. In: Widmer, T., Beywl, W., Fabian, C. (Hrsg.): Evaluation. Ein systematisches Handbuch. VS Verlag, Wiesbaden, 441–449 –, Loidl-Keil, R., Drilling, M. (2009): Evaluation in der So- zialen Arbeit im Ländervergleich. In: Widmer, T., Beywl, W., Fabian, C. (Hrsg.): Evaluation. Ein systematisches Handbuch. VS Verlag, Wiesbaden, 469–474 Heiner, M. (2001): Evaluation. In: Otto, H.-U., Thiersch, H. (Hrsg.): Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik. 2.Aufl. Luchterhand, Neuwied, 481–495 – (Hrsg.) (1998): Experimentierende Evaluation. Ansätze zur Entwicklung lernender Organisationen. Juventa, Wein- heim – (Hrsg.) (1994): Selbstevaluation als Qualifizierung in der sozialen Arbeit. Fallstudien aus der Praxis. Lambertus, Freiburg/Br. – (1988): Selbstevaluation in der sozialen Arbeit. Fallbeispiele zur Dokumentation und Reflexion beruflichen Handelns. Lambertus, Freiburg/Br.
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