Handbuch 5. Auflage

Evaluation und Evaluationsforschung 419 folge der ersten Ölkrise entstanden erste politische Interpretationen, in denen die Begrenzung öffent- licher Haushaltsmittel für Reformprojekte her- vorgehoben wurde. Einerseits machte sich also eine Enttäuschung auf Seiten der Wissenschaft über fehlende Anwendung und Wirksamkeit wis- senschaftlicher Erkenntnisse breit, andererseits wurde innerhalb des politischen Systems ein Be- wusstsein über begrenzte Haushaltsmittel ent- wickelt. In der Folge verlor wissenschaftliche Expertise für die Politikberatung im Feld der Sozialpolitik und der Sozialen Arbeit an Bedeutung, was auch zu ei- nem Rückgang der Evaluationsforschung in diesen Bereichen führte. Der erneute quantitative Auf- schwung in den 1990er Jahren lässt sich ebenfalls im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und sozialpolitischen Veränderungsprozessen des aus- gehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts erklären. Eine stagnierende und schrumpfende Wirtschaft sowie ein demografischer Wandel be- züglich der Familien- und Altersstruktur führte spätestens seit den 1980er Jahren zu einer immer schwieriger werdenden finanziellen Situation öf- fentlicher Haushalte und zur öffentlichen Proble- matisierung steigender Sozialausgaben. In Reaktion darauf entwickelten sich Ideen für einen Umbau des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements, in dem einerseits die Eigenverantwortung der Bürger und Bürgerinnen eine programmatische Neubewertung erfuhr, andererseits die sozialpolitischen Ausgaben verstärkt im Hinblick auf Möglichkeiten von Kos- teneinsparungen und verbesserter Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten einer Überprüfung unter- zogen werden sollten. Als ein dafür geeignet er- scheinendes Mittel wurden verstärkt marktwirt- schaftliche Verteilungsprinzipien an sozialpolitische Maßnahmen und insbesondere soziale Dienstleis- tungen angelegt, die unter dem Begriff „Neues Steuerungsmodell“ für die kommunale Sozialpoli- tik handlungsleitend wurden. Flankiert durch pro- fessionelle Diskurse über Dienstleistungsqualität standen nunmehr die Effektivität und zunehmend auch die Effizienz und Kontrolle aller Leistungen der Sozialen Arbeit zur Debatte. Sozialpädagogische Dienstleistungen, die traditio- nell dem Subsidiaritätsprinzip folgend von freien Trägern in Form von Wohlfahrtsverbänden und nachgeordnet von der öffentlichen Hand angebo- ten und durchgeführt wurden, konnten seit Ein- führung der neuen Finanzierungsregelungen 1999 im SGB VIII (§ 78a ff.) nun nicht nur auch an pri- vat-gewerbliche Unternehmen übertragen werden; gleichzeitig wurden öffentliche Träger verpflichtet, mit den Leistungserbringern Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarungen ab- zuschließen. Dabei wurde Evaluation der Dienst- leistungen der Sozialen Arbeit seitens der Leistungserbringer zu einem verpflichtenden Ele- ment (§ 78a–g SGB VIII). Evaluationsforschung wurde nun nicht mehr als Instrument der Verbes- serung von Versorgungsleistungen und der Ent- wicklung von Reformprojekten eingesetzt, son- dern als Kontroll- und Steuerungsinstrument zur betriebswirtschaftlichen Optimierung sozialer Dienstleistungen. Die Wirksamkeit sozialpädago- gischer Programme, Projekte und Methoden trat dabei eher in den Hintergrund; vielmehr sollten Leistungen als standardisierte Produkte umrissen und dadurch in ihren Kosten vergleichbar gemacht werden. Die Vorgaben an die Qualitätsdefinition in der Sozialen Arbeit konnten einerseits intern vor- genommen werden, geleitet durch standardisierte Qualitätsmanagementnormen (aktuell die EN ISO 9000 Normenreihe) oder anhand externer Evalua- toren bzw. Evaluatorinnen, die allerdings mit zu- nehmendem Widerstand innerhalb der Einrich- tungen gegen Evaluationen rechnen mussten, die stattdessen das Konzept der Selbstevaluation pro- pagierten, um so externen Qualitätsbeurteilungen zuvorzukommen. In diesen Kontexten wurde Evaluation dann zu ei- nem Instrument der Legitimation der eigenen Ar- beit, über das das Bild einer rational arbeitenden, den standardisierten Kriterien von Effektivität und Effizient entsprechenden Organisation präsentiert werden sollte. Seitens der Fachkräfte und der Dis- ziplin geht es nun wieder weniger um die Erweite- rung professionellen Wissens, seitens der Organisa- tionen weniger um deren Strukturentwicklung, vielmehr sollen nun Anbieter sozialpädagogischer Dienstleistungen aufgrund ihrer Wirkungs- /Kos- tenrelation beurteilt werden können. In der Praxis kann bereits beobachtet werden, dass Leistungs- erbringer oder Entwickler neuer sozialpädagogi- scher Methoden und Projekte mit eigens pro- duzierten Evaluationsergebnissen konkurrierend auf dem Dienstleistungsmarkt auftreten, um so eine möglichst hohe Wirkung bei niedrigen Kosten

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