Handbuch 5. Auflage
423 Familie Von Jutta Ecarius und Nils Köbel Die Familienforschung ist Gegenstand erziehungs- und sozialwissenschaftlicher Analysen. Der Zugang und die Auseinandersetzung mit Familie ist daher unterschiedlicher Art: Zum einen wird stärker der Zusammenhang von Familie und Gesellschaft he- rausgestellt und danach gefragt, wodurch sich Fa- milie auszeichnet und welches ihre charakteristi- schen Merkmale sind. Zum anderen liegt der Fokus stärker auf innerfamiliales Handeln, Generations- beziehungen und Erziehungsprozesse. Beide For- schungsrichtungen ergänzen sich insofern. Begriffsklärung von Familie Die historisch-anthropologische Forschung betont, dass Familie je nach geschichtlicher Epoche in teil- weise sehr unterschiedlichen Ausprägungen und Relevanzen erscheint: ‚Familie‘ kann durch eine ■ ■ Wirtschaftsordnung im Sinne einer ökonomischen Kooperation bedingt sein. ‚Familie‘ wird durch ■ ■ politische oder juristische Ord- nungen intendiert, die bestimmte Eigentums- oder Erbverhältnisse regeln. ‚Familie‘ kann zudem als Ordnung ■ ■ sozialer Bezie- hungen von Geschlechtern (Mann und Frau) oder Generationen (jung und alt) fundiert sein und zur Aufrechterhaltung dieser gesellschaftlichen Rah- menbedingungen beitragen (Herrmann 1997). Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Erschei- nungsformen können aktuelle Ansätze der Familien- forschung hinsichtlich ihrer jeweiligen Fokussierung unterschieden werden: Während mikroperspektivi- sche Ansätze die Familie bezüglich ihrer sozialisato- rischen Auswirkungen auf ihre Mitglieder unter- suchen – hierbei stehen vor allem Kinder und Jugendliche im Blickpunkt –, nehmen makroper- spektivische Forschungen Familienstrukturen und -funktionen hinsichtlich ihrer dialektischen Bezie- hungen zu ihren kulturell-historischen Rahmenbe- dingungen in den Blick (Liegle 1987). Mikroperspektiven orientieren sich in ihren psycho- logischen Ausprägungen an den klassischen Para- digmen der Psychoanalyse (Dornes 2006), des symbolischen Interaktionismus und der syste- misch-ökologischen Psychologie (Schneewind 2002; Stierlin 2006). Besonders einflussreiche mi- kroperspektivische Studien zur Sozialisation und Erziehung in der Familie finden sich darüber hi- naus in der von John Bowlby begründeten und von Mary Ainsworth weiterentwickelten Bindungsfor- schung. Diese geht davon aus, dass die in der Kind- heit erfahrene Beziehung eines Menschen zu seiner primären Bezugsperson die Entwicklung und So- zialisation einer Person entscheidend beeinflusst. Familiale Interaktionen sowie Beziehungsmuster schlagen sich in den drei zentralen Bindungstypen der ,sicheren‘, ,unsicheren‘ bzw. ,ambivalenten‘ Bindung nieder (Bowlby 2005; Ainsworth et al. 1978; Hopf 2005). Sozialwissenschaftliche Mikroanalysen werden stark von strukturtheoretisch und systemisch ori- entierten Ansätzen geprägt. Sie schlagen eine Be- griffsbestimmung vor, die das relativ stabile und konstante Beziehungs- und Kommunikationsnetz der Familie in den Blick nimmt bzw. Familie als sich entwickelndes dynamisches System betrachtet, das in verschiedenen Stadien eine eigenständige Entwicklung durchläuft und dabei das Beziehungs- netz permanent an sich verändernde Bedingungen und Kontexte anzupassen versucht (Allert 1998). Makroanalysen zeichnen sich besonders durch his- torische Forschungen aus, die die Erscheinungs- formen der Familie in sich geschichtlich verän- dernden kulturellen Kontexten untersuchen sowie Vorstellungen über Familienbeziehungen und Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art039, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=