Handbuch 5. Auflage
438 Familienpolitik, Soziale Arbeit mit Familien und Familienbildung Von Matthias Euteneuer, Kim-Patrick Sabla und Uwe Uhlendorff Familie lässt sich jenseits ihrer pluralen Erschei- nungsformen als eine Lebensform bestimmen, die durch die Zusammengehörigkeit von mindestens zwei zueinander in einer Elter-Kind-Beziehung ste- hende Generationen geprägt ist (Böhnisch / Lenz 1997, 28). In ihrem Innenraum wird Familie durch ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsver- hältnis zwischen ihren Mitgliedern konstituiert (Nave-Herz 2004, 30). Familie weist insofern einen biologisch-sozialen Doppelcharakter (König 2002, 91 ff.) auf, als in ihr häufig biologische Reproduk tions- und Sozialisationsfunktion zusammenfallen. Im Rahmen einer Pluralisierung der familialen Le- bensformen scheint aus sozialpädagogischer Per- spektive die soziale Konstruktion von Familie und familialer Solidarität entscheidender als biologische Abstammungsverhältnisse, denen aber weiterhin hohe kulturelle und rechtliche Relevanz zukommt. Mit der Herausbildung des ,sozialen Sektors‘ in der Moderne ist die Familie gemäß der vorgenannten Merkmale in zweierlei Hinsicht ins Blickfeld der Sozialen Arbeit gekommen: Weil ihre Form sozial bestimmt ist, gehört Familie einerseits zur sozialen Ordnung einer Gesellschaft und ist im Rahmen ihrer Sozialisationsfunktion auch Ort der Perpetu- ierung dieser Ordnung. Familie ist demgemäß ebenso ein gesellschaftlich relevanter Bildungs- und Sozialisationsort, wie in ihr umgekehrt auch ver- schiedene problemhafte Aspekte des Modernisie- rungsprozesses (soziale Fragen) zusammentreffen und in ihren individuellen Ausprägungen kennt- lich werden (Karsten /Otto 1996, 9). Familie als spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhält- nis stellt aber andererseits auch eine Ressource für die Bewältigung sozialer Fragen dar. Sie hat damit ebenso Modellcharakter für gewisse sozialpädago- gische Hilfeformen, wie ein Fehlen oder Beschä- digt-Sein dieser Ressource selbst als soziales Pro- blem gilt. Sozialpädagogisch gerät Familie also (1) als primäre, notwendige Bildungs- und Sozialisati- onsinstanz in den Blick, in der sich aber auch alle sozialen Fragen kreuzen, von denen Familienmit- glieder betroffen sind. Sie wird aber auch (2) als (zu erhaltende, zu stärkende, wiederherzustellende) Ressource für die Bearbeitung dieser sozialen Pro- bleme und somit als beschädigte wie modellhafte Instanz der Erbringung von Solidaritäts- und So- zialisationsleistungen adressiert. Genau genommen ist damit sozialpädagogisches Handeln insgesamt „ohne einen dezidierten oder ver- borgenen Familienbezug nicht denkbar“, da Soziale Arbeit „seit ihren Ursprüngen in Auseinanderset- zung mit, in Absetzung von oder an Stelle der privat- familialen Lebensgestaltung“ (Karsten/Otto 1996, 10) stattfindet. Trotzdem erscheint es sinnvoll, ein im engeren Sinne familienbezogenes Arbeitsfeld in- nerhalb der Sozialen Arbeit abzugrenzen. Der Ter- minus ,Familienarbeit‘ (Erler 2005, 2003) wurde dafür besonders in den 1980er Jahren verwendet. Er erscheint uns jedoch missverständlich, da mit Fami- lienarbeit gegenwärtig eher a) (synonym zu familia- ler Arbeit) marktfern erbrachte, häusliche und fami- lienbezogene Arbeitsleistungen (z.B. BMFSFJ 2006, 87ff.) bzw. b) (im Sinne von ,Eltern- und Familien- arbeit‘) die Einbeziehung der Familie in kind- oder jugendzentrierten pädagogischen Institutionen (z.B. Hebenstreit-Müller 2005) bezeichnet werden. Eine weniger missverständliche Alternative stellt der Ter- minus ,Soziale Arbeit mit Familien‘ dar. Damit sol- len im Folgenden jene Handlungsfelder der Sozialen Arbeit bezeichnet werden, die in Anlehnung an die obige Bestimmung der sozialpädagogischen Rele- vanz von Familie (1) spezialisiert sind auf die Be- arbeitung in der Familie auftretender sozialer Pro- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art041, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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