Handbuch 5. Auflage

Familienpolitik, Soziale Arbeit mit Familien und Familienbildung 439 bleme und/oder (2) auf die Wiederherstellung bzw. Stärkung der familiären Sozialisations-, Kooperati- ons- und Solidaritätsleistungen abzielen. Insofern das Ziel dabei immer in einer ,gelingenden‘ familia- len Privatheit liegt, operiert Soziale Arbeit auch mit Normalitätsentwürfen von familialen Lebensformen, die nicht zuletzt auch familienpolitisch und famili- enrechtlich positiv sanktioniert oder zumindest zu- gelassen werden müssen. Familienpolitik Unter Familienpolitik lassen sich alle politischen Maßnahmen fassen, die den Lebenszusammenhang und die Lebensführung von Familien beeinflussen (Strohmeier 2003, 181). Familienpolitik kann ex- plizit als Familienpolitik – die auch als solche be- zeichnet wird – sowie implizit im Rahmen arbeits- markt-, bevölkerungs-, frauen- oder kinderpolitisch begründeter Interventionen betrieben werden. Sucht man nach einer Systematisierung familien- politischer Motive, so wird häufig auf vier, von Be- ginn einer modernen Familienpolitik an wirksame Teilmotive verwiesen (Herlth/Kaufmann 1982, 14ff.): (1) ein bevölkerungspolitisches Motiv, (2) ein sozialpolitisches Motiv, (3) ein familieninstitutionel- les Motiv und (4) ein emanzipatorisches Motiv. Mit bevölkerungspolitischen Motiven werden jene Interventionen begründet, die – je nach gesell- schaftlicher Situation – auf die Mehrung, Erhal- tung oder Begrenzung der Bevölkerung abzielen. Dieses am weitesten in die Geschichte zurückver- folgbare Motiv expliziter wie impliziter Familien- politik stand lange Zeit mit dem Erhalt der militä- rischen und wirtschaftlichen Stärke eines Staates in Verbindung. Es wurde nach der offensiv bevölke- rungspolitischen Familienpolitik des Nationalso- zialismus in Deutschland einige Zeit tabuisiert, ist aber in den letzten Jahren in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern im Kontext von Diskussionen um den Erhalt der sozialen Siche- rungssysteme wieder erstarkt (Gerlach 2004, 114 f.). Im Rahmen des sozialpolitischen Motivs werden Be- mühungen zusammengefasst, soziale Ungleichheiten auszugleichen, die ihre Ursache im Familienstand, der Familienform oder der Zahl der Kinder haben. Dies ist z.B. durch steuerliche Maßnahmen, Um- verteilungsmaßnahmen oder soziale Dienstleistun- gen möglich. Das weiterhin deutlich erhöhte Ar- mutsrisiko von Alleinerziehenden und Familien mit mehr als drei Kindern (BMAS 2008, 76) verweist dabei auf anhaltende Einseitigkeiten und Defizite eines in Deutschland noch stark um Ehe und Klein- familie zentrierten Familienlastenausgleichs. Dies liegt nicht zuletzt in einer familieninstitutionell motivierten Politik begründet, also in staatlichen In- terventionen, die gestützt auf gesellschaftliche Mo- ralvorstellungen versuchen, Binnenstrukturierungen von Familie und die Kennzeichnung ihrer Spezifik gegenüber anderen Lebensformen zu beeinflussen. Bis weit in die 1960er Jahre stand familienpolitisch nämlich die Stabilisierung der bürgerlichen Kern- oder Kleinfamilie unter patriarchalischer Leitung im Zentrum familieninstitutioneller Politiken. Zwar lässt sich seit Mitte der 1970er Jahre eine deutliche Öffnung für alternative Familienformen beobach- ten – etwa durch die Einführung des Haushaltsfrei- betrags für Alleinerziehende oder der Reform des Kindschaftsrechts mit der weitgehenden Gleichstel- lung ehelicher und nichtehelicher Kinder (Gerlach 2004, 117). Aber die ,Altlasten‘ einer solchen, auf ein Familienmodell konzentrierten Politik wirken bis heute nach. Der auch als Deinstitutionalisierung gedeutete fa- milieninstitutionelle Öffnungsprozess ab den 1970er Jahren ist nicht zuletzt durch eine emanzi- patorisch motivierte Familienpolitik vorangetrieben worden, die darauf abzielt, in der Familie existie- rende Machtgefälle zwischen Männern und Frauen auf der einen Seite und Eltern und Kindern auf der anderen Seite zu reduzieren. Insbesondere in nord- europäischen Ländern ist dieser Prozess durch In- dividualisierung sozialstaatlicher Anspruchsleis- tungen, die sodann nicht an eine Familienform, sondern an die individuelle Position als Kind, Vater oder Mutter gebunden sind, weiter fortgeschritten als in Deutschland (BMFSFJ 2006, 22 ff.). Familieninstitutionelle Motive wurden insgesamt explizit zurückgedrängt. Dennoch sollte nicht ver- kannt werden, dass auch auf plurale Familienbilder rekurrierende Maßnahmen die Binnenstrukturie- rungen von Familie beeinflussen wie z. B. die (be- grenzte) rechtliche Anerkennung gleichgeschlecht- licher Partnerschaften oder auf Integration von Frauen in das Erwerbsleben zielende Maßnahmen. Es ergeben sich familieninstitutionelle Folgen, wenn neue Rechte und Pflichten institutionalisiert und Leitbilder formuliert werden.

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