Handbuch 5. Auflage

448 Euteneuer · Sabla · Uhlendorff  Jugendamtsbezirk eine Kindertageseinrichtung zu einem Familienzentrum weiterentwickeln. Durch Familienzentren sollen die Qualität der frühkind- lichen Bildung und Förderung verbessert und El- tern in ihren Erziehungsaufgaben unterstützt werden. Die Idee ist, dass die Familienzentren mit Institutionen, die bereits vor Ort vorhanden sind, kooperieren: mit örtlichen Familienbildungsstät- ten, Beratungsstellen, Verbänden und anderen Einrichtungen. Somit werden dort unterschiedli- che Angebote für Eltern und Kinder gebündelt. Kindertageseinrichtungen wurden für dieses Vor- haben deshalb ausgewählt, weil sie viele Eltern erreichen, wohnortnah sind und von den Eltern sehr gut akzeptiert werden. Darüber hinaus gibt es Projekte in Deutschland, die nach dem Vorbild der englischen Early Excellence Centres arbeiten. Sie sind ebenfalls multifunktionale Familienzen- tren (z. B. in Berlin und Münster) und richten sich speziell an sozial benachteiligte Eltern. An- dere Projekte wie „Ostapje“ oder „HIPPY“ ver- suchen, sozial benachteiligte Eltern durch ihre Geh-Struktur zu erreichen. Hierbei spielen Haus- besuche eine zentrale Rolle (BMFSFJ 2005). Eine Vernetzung von einzelfallorientierten Hilfen zur Erziehung (insbesondere sozialpädagogische Fa- milienhilfe) und der Familienbildung wurde u. a. auch in einem Modellprojekt des Landesjugend- amtes Brandenburg umgesetzt. Das Projekt zielte auf die Initiierung von Selbsthilfe und Selbstorga- nisation von Familien im Rahmen von Hilfe zur Erziehung und Familienbildung ab. Neue Konzepte der Familienbildung werden u. a. auch im bundesweiten „Aktionsprogramm Mehr- generationenhäuser“ erprobt. An dem Programm sind 500 Einrichtungen beteiligt. Seit dem 1. Januar 2008 unterstützt das Bundesministerium für Fami- lie, Senioren, Frauen und Jugend aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) 200 der 500 Mehr- generationenhäuser im Aktionsprogramm. Aus- gehend von dem Prinzip der Großfamilie bieten Mehrgenerationenhäuser Menschen unterschiedli- cher Lebensalter einen Ort der Begegnung und ge- genseitiger Unterstützung. Ein wesentliches Ziel des Aktionsprogramms besteht darin, den Zusammen- halt zwischen den Generationen auch außerhalb der Familien zu stärken. Mehrgenerationenhäuser kon- zentrieren sich auf den Aufbau beschäftigungsför- dernder Strukturen. Darüber hinaus setzen sie be- stimmte Schwerpunkte in ihrer Arbeit: Sie sorgen im besonderen Maße für eine Verbesserung des Zu- gangs zum Arbeitsmarkt. Konkrete Angebote zielen unter anderem auf die verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Förderung des Zugangs und der Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt ab und damit auf bessere Beschäftigungsmöglichkeiten vor Ort. Viele Familienbildungsstätten haben sich, wie die Beispiele zeigen, auf den gesellschaftlichen Wandel, die Pluralisierung von familialen Lebensstilen und Problemlagen eingestellt und sich von dem wohl- fahrtsstaatlichen Familienleitbild der alten Bundes- republik und den traditionellen Kernaufgaben der Familienbildung gelöst. Ihre Bildungsangebote sind sicherlich auch deshalb breit gefächert, um konkurrenzfähig zu bleiben. Allerdings besteht die Gefahr, dass der Familienbildungsbegriff und der damit einhergehende spezifische Bildungsauftrag schwammig werden und die Grenzen zu anderen Bildungsträgern (wie Volkshochschulen, betriebli- che und gewerkschaftliche Weiterbildung) und Ju- gendhilfeträgern (wie Beratungsstellen) unscharf werden. Hier besteht auf lange Sicht ein wichtiger fachlicher Reflexions- und Forschungsbedarf. Literatur Baisch, V. (2003): Modellprojekt Väterbildung an Ham- burger Elternschulen und Familienbildungsstätten. Ei- genverlag der Behörde für Soziales und Familie in Ham- burg, Hamburg Ballusseck, H. v. (Hrsg.) (1999): Familien in Not. Wie kann Sozialarbeit helfen? Lambertus, Freiburg i. Br. BMAS, Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2008): Lebenslagen in Deutschland. Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bundes- tags-Drucksache 16 / 9915, Berlin BMFSFJ, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2006): Siebter Familienbericht. Fa- milie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit: Perspekti- ven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Bundes- tags-Drucksache 16/1360, Berlin – (Hrsg.) (2005): Familienbildung als Angebot der Jugend- hilfe. Herausforderungen und Innovationen. Berlin – (Hrsg.) (2000): Kinder- und Jugendhilfe. Achtes Buch des Sozialgesetzbuches. Berlin

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