Handbuch 5. Auflage

Familienpolitik, Soziale Arbeit mit Familien und Familienbildung 447 stützen. Die Grenzen zur betrieblichen Weiterbil- dung und zur Organisationsentwicklung sind dabei fließend. Besondere Lebenssituationen und Belastungen 3. von Familien als Ansatzpunkte der Familienbildung: Familienbildungsstätten haben in den letzten Jah- ren verstärkt ihre Angebote auf Familien mit psy- chosozialen Belastungen und Krisen ausgerichtet und versuchen, im Vorfeld von Beratung und The- rapie Eltern zu begleiten und Möglichkeiten auf- zuzeigen, wie ein Zusammenleben gelingen kann und welche Hilfsmöglichkeiten in Anspruch ge- nommen werden können. Auch hier finden sich neben Beratung spezielle Gruppenangebote in Form von Gesprächskreisen oder Selbsthilfegrup- pen. Als Beispiele sind Angebote für Stieffamilien, Tod- und Trauerbegleitung sowie die Arbeit mit El- tern behinderter oder kranker Kinder zu nennen. Im Kontext von Gemeinwesenarbeit wurden in den 1990er Jahren neuere Ansätze der Bildungsarbeit mit Arbeitslosen (z.B. das Projekt „Arbeitslose hel- fen Arbeitslosen“ AHA der Initiative im Evangeli- schen Familienbildungswerk Duisburg) und mit Familien mit Migrationshintergrund entwickelt. Der 4. zielgruppenorientierte Ansatz : Familienbil- dungsstätten bieten besondere Programme für spe- zifische Zielgruppen an. Zu einem Standardangebot zählt mittlerweile die „Treffpunktarbeit“ mit Al- leinerziehenden. Sie bietet insbesondere Frauen die Möglichkeit, Kontakte zu anderen aufzubauen, Trennungserfahrungen zu verarbeiten oder Unter- stützung bei Erziehungsfragen und Beratung in Sorgerechts- und Unterhaltsfragen zu erhalten (Pettinger / Rollik 2005, 111). Ein besonderer Ent- wicklungsbedarf besteht in der Väterbildung – die- ser Schwerpunkt ist bisher nur schwach ausgebaut und wird nur von wenigen Bildungsträgern ange- boten. Anknüpfungspunkte für eine emanzipative Väterarbeit bieten zahlreiche Väterstudien (Matzner 1998; Fthenakis 1988; Fthenakis 1999; Sabla 2009), Dokumentationen von Modellprojekten (Gon- ser/Helbrecht-Jordan 1994;Volz-Schmidt/Dreschke 1997; Baisch 2003) und Praxismaterialien (Rich- ter/Verlinden 2000). Als erfolgreiche Projekte sind das Modellprojekt in Norderstedt, das Väterzen- trum Hamburg e.V. oder Manege e.V. in Berlin zu nennen. In einigen Großstädten haben sich selbst- ständige Männer- und Väterinitiativen gebildet, die Väter mit Bildungs- und Beratungsangeboten un- terstützen und der Väterbildung bundesweit wich- tige Impulse geben (Aktionsforum Männer und Leben in Frankfurt, Väterzentrum Berlin). Erfolg ver- sprechend scheinen auch Väterkurse in Betrieben zu sein, die teilweise in Zusammenarbeit mit Väter- initiativen und Familienbildungsstätten durchge­ führt werden, wie das Pilotprojekt bei Volkswagen oder die Seminare, die im Rahmen des SOCRATES- Projekts „Zukunftswerkstatt Familienbildung“ ent- standen sind (LfS NRW 1999, 93). Zentrale Themen der Väterbildung sind Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Vater-Kind-Beziehung, Stärkung der Erzie- hungsfähigkeit, Partnerschaftskonzepte, Arbeitstei- lung im Haushalt, Elternzeit und Freizeitgestaltung. Vor dem Hintergrund der oben genannten familien- politisch relevanten Leitlinien der EU (COM 2006) fordern diese Themen die Familienbildung ganz zentral heraus. Dem Ausbau dieser Angebote ste- hen, so scheint es, die traditionell eher konservativ geprägten Leitbilder der Familienbildungsstätten entgegen. Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, der damit einhergehende Wandel familialer Lebens- formen und Problemlagen sowie die gesellschaft- lichen Rahmenbedingungen für Familien fordern die Familienbildung heraus und machen die Ent- wicklung neuer Leitbilder, Konzepte und Ansätze notwendig. Als wegweisend kann z. B. das Inno- vationsprojekt „Zukunft Familienbildung“ ge- nannt werden (MfGSFF NRW 2004) und der „Leitfaden niedrigschwelliger Angebote der Fami- lienbildung“ (Rupp et al. 2004). In der aktuellen Entwicklung der Angebote spielt der Koopera­ tions- und Netzwerkgedanke eine wichtige Rolle. Die Kooperation zwischen Familienbildungsstät- ten und anderen Institutionen soll den komplexen Lebensbedingungen der Familien gerecht werden und den Zugang zu den von Familien benötigten Hilfen erleichtern. Des Weiteren wird Koope- ration als eine Strategie angesehen, möglichst viele Eltern zu erreichen, was vor dem Hinter- grund des präventiven Anspruchs der Familien- bildung sowie des Problems, dass Familienbildung hauptsächlich bildungsgewohnte Eltern erreicht, besonders wichtig erscheint. Inzwischen gibt es hierzu eine Vielzahl an Projekten und Modellen, die aktuell in Deutschland erprobt werden (www. familienbildung.info ). Dazu zählen beispielsweise die Familienzentren in NRW (www.familienzen- trum.nrw.de) : Die Landesregierung will in jedem

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