Handbuch 5. Auflage

451 Finanzierung Sozialer Arbeit Von Bernd Halfar Zur Rationalität von Finanzierungsregelungen So wie ein Gehirn ohne Sauerstoff nicht denken kann – aber Sauerstoff alleine nicht denkt – so funk- tioniert auch das System Sozialer Arbeit nicht ohne Geld. Zahlungen machen jedoch demente alte Men- schen nicht weniger vergesslich und Hooligans nicht gewaltfrei; Zahlungen fördern nicht das Sozialver- halten von Krippenkindern, entziehen dem süchti- gen Körper nicht die Giftstoffe und machen psy- chisch Depressive nicht euphorisch. Zahlungen sind das Schmiermittel für sozialpädagogische Operatio- nen, aber sie können nicht psychosoziale Diagnostik, Pflegehandlungen, pädagogisches Spiel, Entzugs- trainings oder Erziehungsberatung substituieren. Dass zwischen der zur Verfügung stehenden Geld- menge und der Menge sozialer Dienstleistungen Zu- sammenhänge bestehen, ist keine aufregende These. Das Vorhandensein von Geld ermöglicht erst die soziale Dienstleistungsproduktion und beschränkt ebenfalls die Möglichkeitshorizonte der Sozialarbeit, ohne jedoch die Feinsteuerung des Systems Sozialer Hilfen übernehmen zu können (Luhmann 1993). Für die ca. 150.000 sozialen Dienste und sozialen Einrichtungen mit ihren ca. 2.800.000 Plätzen bzw. Betten werden pro Jahr in Deutschland ca. 80 Mrd. Euro ausgegeben. Die durch Steuern, Sozial- versicherungsbeiträge und private Zahlungen für Sozialarbeit gebildete Geldmenge gelangt über ver- schiedene Zahlungsströme zu den Anbietern sozia- ler Dienstleistungen. Bei dieser Mittelallokation löst das Finanzierungsprinzip der Subjekt­ orientierung das klassische Prinzip der Einrichtungs­ orientierung zunehmend ab. Durch die subjektorientierte Finanzierung werden auf der Anbieterseite bewusst Wettbewerbselemente und auf der Klientenseite Elemente der Konsumen- tensouveränität angestiftet. Die zunehmende Ver- lagerung der Entscheidung, welche sozialen Dienste in welcher Qualität und Menge von welchem An- bieter angeboten und in welchem Ausmaß in An- spruch genommen werden, von der politischen Ebene auf die Klientenebene entlastet die Sozial- politik der Kommunen, Kreise und Länder von der Feinsteuerung des Bedarfes, führt aber zu neuartigen theoretischen Überlegungen, wie denn in einem subjektorientierten Finanzierungssystem mit typi- schen Informationsasymmetrien zwischen Anbieter und Klient die optimale Leistungsmenge und das optimale Qualitätsniveau erreicht werden können. Denn die Überführung eines politisch gesteuerten Systems der Sozialarbeit in eine „Nicht-Markt-Öko- nomie“ ist höchst kompliziert, weil auf der Nach- frageseite eineEntscheidungssouveränität beschränkt souveräner Nachfrager simuliert werden muss und auf der Angebotsseite eine betriebswirtschaftliche Dienstleistungsorientierung vorausgesetzt wird, die sich stärker auf die wahrgenommene Nachfrage als auf den wahrgenommenen Bedarf beziehen muss (Halfar 2008). Die politische Steuerung der Leistungsmenge in der Sozialarbeit geschieht weitgehend durch Quali- tätsvorgaben und durch die Konstruktion von Fi- nanzierungsformen. Kriterien für rationale Finanzierung in einer Nicht-Markt Ökonomie Als einige wichtige Kriterien für den Rationalitäts- grad der Finanzierungsregelungen in einer Nicht- Markt-Ökonomie, wie im Sozial- und Gesund- heitswesen, lassen sich aus sozialökonomischer Perspektive benennen: Finanzierungsregelungen sollten so geschaltet ■ ■ sein, dass Anreize für eine Qualitätssteigerung bei Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art042, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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