Handbuch 5. Auflage
470 Olk Diese Entwicklung, die weit über den Bereich der Wohlfahrtspflege hinausreicht, hat bei den einzel- nen Akteuren innerhalb der verbandlichen Wohl- fahrtspflege zu Irritationen und auch zu kritischen Positionen geführt. Obwohl die freie Wohlfahrts- pflege in die Enquete-Kommission eingebunden war und von Beginn an im BBE mitwirkt, wird die Herausbildung von Engagementpolitik als (bun- des-)staatliche Aufgabe durchaus skeptisch beur- teilt und als Konkurrenz zu den eigenen Zustän- digkeitsansprüchen in diesem Feld gesehen. Auch die Entstehung von Landesnetzwerken zur Engage- mentförderung wird von den Vertretern der freien Wohlfahrtspflege nicht in allen Bundesländern be- grüßt. So scheiterten entsprechende Bestrebungen in Nordrhein-Westfalen am Widerstand der freien Wohlfahrtspflege. Die hiermit verbundenen Irritationen des Selbst- verständnisses der Freien Wohlfahrtspflege werden auch dadurch verstärkt, dass Ehrenamt, Mitglied- schaft und Vereinsleben in der Verbändewohlfahrt angesichts der Ökonomisierungstendenzen seit Be- ginn der 1990er Jahre unter Druck geraten sind. Mit der Erosion sozialer Milieus und der Professio- nalisierung der verbandlichen Wohlfahrtspflege werden Entwicklungen begünstigt, die seit der Einbindung der freien Wohlfahrtspflege in die staatliche Sozialpolitik zu wirken begonnen hatten. Auf der einen Seite entwickelte sich die Bereitstel- lung sozialer Dienste und Einrichtungen zu einem wirtschaftlich geprägten „Kerngeschäft“ freier Wohlfahrtspflege, das durch professionelle und rechtliche Standards und Refinanzierungszwänge geprägt ist. Aus diesem „Kerngeschäft“ wird das bürgerschaftliche Engagement mit seinen Unge- wissheiten und Schwankungen immer mehr ver- drängt. Auf der anderen Seite bleiben bestimmte Formen des Engagements der Verbändewohlfahrt auch unter den veränderten Bedingungen durch- aus erhalten. So sind etwa viele Projekte und Ini- tiativen der „neuen Selbsthilfebewegung“ inzwi- schen selbst Mitglieder eines der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege, wobei hier insbeson- dere der Paritätische Wohlfahrtsverband hervor- zuheben ist. Auch sind die Wohlfahrtsverbände bestrebt, durch Aktionen, Programme und Maß- nahmen die Rahmenbedingungen und Tätigkeits- felder in den verbandlichen Strukturen derart zu gestalten, dass sie auch für Angehörige des „moder- nisierten“ Engagements attraktiv erscheinen. Trotz solcher Ansätze ist allerdings nicht zu übersehen, dass das freiwillige, bürgerschaftliche Engagement angesichts der vorherrschenden Orientierung an betriebswirtschaftlicher Professionalität, Markt und Wettbewerb letztlich eher auf Randbereiche verwiesen wird, während die Produktion sozialer Dienstleistungen durch hauptamtliches Personal das „Kerngeschäft“ ausmacht. Im Abschlussbericht der Enquete-Kommission (2002, 564 ff.) wird daher zurecht darauf hinge- wiesen, dass die Frage der künftigen Bedeutung des freiwilligen oder bürgerschaftlichen Engagements in der Verbändewohlfahrt davon abhängt, ob dieses Engagement einen zentralen Stellenwert bei der Leitbild- und Konzeptentwicklung in den Einrich- tungen, Diensten und verbandlichen Gliederungen erhält. Es geht dabei um Fragen der Entwicklung einer Management- und Organisationskultur sowie einer Fachlichkeit, die nicht auf Fragen inner- betrieblicher Optimierung von Abläufen be- schränkt bleibt, sondern die die strategische Frage nach einer Öffnung verbandlicher Strukturen für unterschiedliche Formen bürgerschaftlicher Mit- wirkung aufgreift und in praktikable Organisati- ons- und Managementmodelle (etwa in der Alten- pflege, der Kinder- und Jugendhilfe oder im Gesundheitswesen) übersetzt. Die Entwicklung ei- ner solchen Modernisierungsstrategie hätte zudem erhebliche Vorteile für die Stärkung verbandspoli- tischer Profile und damit auch für die offensive Be- stimmung einer besonderen Qualität wohlfahrts- verbandlicher Dienste, Einrichtungen und Leistungen gerade auch im Hinblick auf die De- batte um die Umsetzung des europäischen Wett- bewerbsrechts. Denn nur wenn es gelingt, Formen und Instrumente der betriebswirtschaftlichen Mo- dernisierung mit Instrumenten der bürgergesell- schaftlichen Leitbildentwicklung sowie Öffnung der Einrichtungen und Dienste zu verknüpfen, können die Vertreter der verbandlichen Wohl- fahrtspflege auch in der Diskussion um das euro- päische Wettbewerbsrecht verdeutlichen, worin die besondere bürgerschaftliche Qualität der wohl- fahrtsverbandlichen Produktion sozialer Dienste im Vergleich zur marktwirtschaftlichen Produktion solcher Dienste bestehen könnte. Hinsichtlich der künftigen Entwicklung bleibt also offen, ob die Wohlfahrtsverbände solche Formen der Organisations- und Leitbildentwicklung um- setzen werden können, die sowohl bürgerschaftli-
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