Handbuch 5. Auflage
Friedens- und Konflikterziehung 487 zähle jedoch zu den einflussreichen Trugbildern und Selbsttäuschungen der Pädagogik. Erst in den letzten zehn Jahren werde auch – von wenigen Ausnahmen abgesehen – der negative Ein- fluss beachtet, den Bildung auf die Genese und Dynamik gewaltsam ausgetragener Konfliktkon- stellationen nehmen kann. Direkte Gewalt ist an Schulen auch heute noch in vielen Ländern selbst- verständlich: Hierzu gehören in einer globalen Sichtweise u. a. die körperliche Züchtigung, die weltweit an Schulen in 106 Ländern zulässig ist und auch praktiziert wird; der sexuelle Missbrauch von Schülerinnen durch Lehrer und Mitschüler; die unterlassene Aufklärung über Schutzmöglich- keiten vor HIV / Aids; die Angst einflößenden Prüfungs- und Wettbewerbskonzepte der Schule, die sich direkt auf das Gewalt fördernde Potenzial der Bildung auswirken (Pinheiro 2006). Strukturelle Gewaltfaktoren wirken an Schulen u. a. durch Selektion, ungleiche Verteilung von Bil- dungschancen und die Verschärfung von sozialer Ausgrenzung. Kulturelle Gewalt kommt z. B. durch Bildung als Instrument kultureller Unterdrückung zum Ausdruck oder durch die Manipulation des Geschichtsbildes, durch die Propagierung hegemo- nialer nationaler Identitäten, aber auch durch die Vermittlung von Feindbildern oder durch eine curriculare Dominanzkultur oder durch hegemo- niale Männlichkeitskonzepte. Bildung ist ein zentrales Medium, durch das Ethni- zität für die Eskalation von Konflikten mobilisiert werden kann. Es ist notwendig, Positivstrategien zu entwickeln, um eine Konfliktkultur zu etablieren und Gewalt durch die Schule einzudämmen. Hierzu gehören nach Bush / Saltarelli (2000, 16 ff.) u. a. gezielte Bildungschancen für Bildungsbenach- teiligte; ein Klima der ethnischen und kulturellen Toleranz; die Abschaffung der Segregation und des Rassismus in den Köpfen; die Förderung sprach- licher Vielfalt; die Pflege eines inklusiven Staats- bürgerschaftsverständnisses; die Schulung eines kritischen Geschichtsbewusstseins; die Wendung der Bildung gegen staatliche Unterdrückung so- wie – allgemein gesprochen – die Erziehung zur Friedensfähigkeit. Konflikterziehung bedeutet in dieser Dimension also auch, das Schulsystem und die Rolle formaler Bildung im Kontext von Konflikten und bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Gewalt zu sehen. Die Entwicklung einer Kultur des Friedens Die Entwicklung einer friedensfähigen Gesellschaft kann nicht alleine durch politische und ökonomi- sche Veränderungen erreicht werden, sondern muss die Veränderung tief verankerter kultureller Muster einbeziehen, welche die Transformation einer „Kultur der Gewalt“ in eine „Kultur des Friedens“ erst ermöglichen (Wintersteiner 2002). Es geht dabei um Weltsichten und Weltanschauungen, um Werte und Werthaltungen sowie um Verhaltens- weisen, Gewohnheiten und Lebensformen. Andere ausstoßen und Lebensfeindlichkeit müssen dabei ersetzt werden durch einen offenen Umgang mit Alternität und dem Respekt vor der Andersheit des anderen. Das Ziel muss sein, das Freund-Feind- Schema auf allen Ebenen zu überwinden. Die Generalversammlung der UNO hat 1999 die Erklärung über eine Kultur des Friedens (Vereinte Nationen 1999) verabschiedet. Sie versteht die Kultur des Friedens als die Gesamtheit der Wert- vorstellungen, Einstellungen, Traditionen, Verhal- tens- und Lebensweisen, welche auf der Achtung des Lebens, der Beendigung der Gewalt sowie der Förderung und Übung von Gewaltlosigkeit durch Erziehung, Dialog und Zusammenarbeit gründen. Senghaas (1997, 24) rückt die zivile Konfliktbear- beitung in das Zentrum einer Kultur des Friedens: „Gemeint ist mit ihr die Gesamtheit der Werteori- entierungen, Einstellungen und Mentalitäten, die im öffentlich-politischen Raum und über diesen hinaus dazu beitragen, dass Konflikte (…) verläss- lich konstruktiv bearbeitet werden“. In diesem langfristigen Prozess der Entwicklung einer Kultur des Friedens kommt der Friedens- und Konflikterziehung auf allen Ebenen entscheidende Bedeutung zu.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=