Handbuch 5. Auflage

486 Gugel  loren, sodass eine Deformation der Wahrneh- mung, des Denkens, Fühlens und Wollens statt- findet, die in destruktives, ja gewalttätiges Verhalten münden kann (Glasl 2009). Glasl hat diese Dynamik anschaulich mit den neun Stufen der Konflikteskalation beschrieben. Diese reichen von (1) Verhärtung, (2) Polarisation und (3) voll- endete Tatsachen schaffen über (4) die Zuschrei- bung negativer Rollen, (5) Gesichtsverlust, (6) Drohstrategien und (7) begrenzte Vernichtungs- schläge bis zur (8) Auflösung des feindlichen Sys- tems und (9) der totalen Konfrontation ohne einen Weg zurück. Konstruktive Konfliktbearbeitung basiert auf fol- genden zentralen Annahmen (Fisher et al. 2009): Konflikte werden effektiver gelöst, wenn die Inte- ressen und Bedürfnisse und nicht die Rechts- bzw. Machtposition herausgestellt werden. Konflikte sollten nicht unter dem Aspekt von eigenem Ge- winn und gegnerischem Verlust betrachtet werden, sondern darunter, welcher gemeinsame Gewinn anzustreben ist. Die herkömmlichen Kommunika- tionsmuster der Drohung und Beschuldigung müssen abgelöst werden durch kooperative Muster des Verstehens und Erklärens. Die Drohung mit und die Anwendung von Gewalt wird ausgeschlos- sen. Die eigene Wahrnehmung und Interpretation der Ereignisse werden nicht verabsolutiert, sondern überprüft und korrigiert. Eine dritte Partei kann als Vertrauensinstanz für beide Seiten dazu beitra- gen, eine gemeinsame Sicht der Dinge zu erreichen. Dabei muss jedoch der Wille zu einer kooperativen Lösung gegeben sein. Die im Nahbereich notwendigen Kompetenzen für Konfliktfähigkeit lassen sich in fünf Bereiche auf- gliedern: kommunikative Kompetenzen, 1. kooperative Kompetenzen, 2. Deeskalations-Kompetenzen, 3. Verfahrens-Kompetenzen und 4. Konfrontations-Kompetenzen (Gugel 2002, 37). 5. Kommunikative Kompetenzen umfassen u.a. die Ver- besserung der Selbst- und Fremdwahrnehmung; den Umgang mit den eigenen und fremden Emotionen; die Entwicklung von Einfühlungsvermögen; das Er- kennen und Formulieren eigener und fremder Inte- ressen und Bedürfnisse, aber auch Kenntnisse der Gewaltfreien Kommunikation. Kooperative Kom- petenzen beziehen sich auf eine gelingende Zusam- menarbeit gerade auch mit fremden Personen und Gruppen und umfassen u.a. Gruppenfähigkeit, Entwicklung und Anwendung von Regeln der Fair- ness. Zu den Deeskalations-Kompetenzen gehören u.a. neutrales Sprachverhalten, nichtprovozierende Körpersprache, Wissen um provozierende und es- kalierende Elemente, um diese bewusst vermeiden zu können. Verfahrens-Kompetenzen umfassen Kenntnisse über Möglichkeiten, Zuständigkeiten und Zugangsweisen von Unterstützungs- und Hilfe- systemen bei Auseinandersetzungen, z.B. Gerichte, Schiedsverfahren, Mediationsverfahren, Menschen- rechtskonventionen etc. Konfrontations-Kompeten- zen beinhalten Strategien der angemessenen Selbst- behauptung, Aspekte von zivilcouragiertemHandeln und Wissen um Möglichkeiten der gewaltfreien In- teressensdurchsetzung. Die Stärkung der individuellen Konfliktfähigkeit durch Erlernen und Einüben dieser Kompetenzen sollte im Alltag, in der Familie und in der (Vor-) Schule geschehen und unterstützend in spezi- fischen Kursangeboten und Trainings in Grund- zügen vermittelt werden. Konflikterziehung als Beitrag zur Entwicklung einer Zivilgesellschaft bedarf spezifischer Rah- menbedingungen im institutionellen und gesell- schaftlichen Bereich, z. B. demokratische Struktu- ren, Partizipation und die Anerkennung von Pluralismus. Denn zivile Konfliktbearbeitung ist keine Frage der Technik, sondern der Denk- und Handlungsweisen. Friedens- und Konflikterziehung und die Rolle von Bildung Die Qualität des Bildungssystems sowie Unterricht und Schule werden häufig in direkte Verbindung mit der Reduktion von Konflikten und Gewalt ge- bracht. Seitz (2004) kritisiert, dass man in der Bil- dungsdiskussion bislang – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von einem positiven Grundmechanis- mus ausgehe, nämlich, dass Bildung der Beför- derung des „Guten, Wahren und Schönen“ diene, dass sie grundsätzlich zur Förderung der zwischen- menschlichen Kooperation und Verständigung, zur Stärkung des sozialen Zusammenhaltes, zum Abbau sozialer Ungleichheiten und zur moralischen Ver- besserung des Menschen beitrage. Dies, so Seitz,

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