Handbuch 5. Auflage

Funktionsbestimmungen Sozialer Arbeit 495 praktische Lebensführung und Lebensquali- tät – sind durch Sen und Nussbaum gerechtig- keitstheoretisch insbesondere so begründet wor- den, dass ein gutes Leben immer auch als ein soziales Projekt begriffen werden muss. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Umsetzung einer umfassenden Konzeption von Lebensstan- dard und Lebensqualität in eine Politik sozialer Gerechtigkeit. In Abgrenzung von tradierten Vor- stellungen einer Leistungs- oder Verteilungsgerech- tigkeit sind die Befähigung zu einem guten Leben, die Lebenschancen und die Lebensqualität, die sich Personen im sozialen Raum tatsächlich eröffnen, die zentralen Inhalte des capability-approach. Die Intentionen einer hierauf bezogenen Politik der Gerechtigkeit sind daran ausgerichtet, durch die Bereitstellung und Sicherung von Grundbefä- higungen dafür Sorge zu tragen, dass Menschen in die Lage versetzt werden, in ihrer Lebensführung Wahlmöglichkeiten wahrnehmen oder ausschlagen zu können. Die Freiheit von Menschen bemisst sich demnach daran, welche Fähigkeiten Menschen im sozialen Raum ausüben können bzw. ob sie in der Lage sind, ihre Lebensweise selbst wählen zu können. Eine solche Politik der Gerechtigkeit ist selbstver- ständlich durch die Soziale Arbeit alleine nicht um- zusetzen. Sie ist vielmehr integraler Bestandteil ei- nes Staatsverständnisses, das darauf abzielt, dass ein umfassendes System der Erhaltung fairer Lebens- chancen und guter Lebensführung allen Menschen ohne große Hindernisse zugänglich ist. Vor diesem Hintergrund sind die grundlegenden menschlichen Fähigkeiten dann keine angeborenen Eigenschaf- ten. Sie müssen durch Fürsorge, Bereitstellung von Ressourcen und Erziehung entwickelt werden (Sturma 2000). Eine in diesem Sinne gerechte Ge- sellschaft löst als öffentliche Aufgabe somit die Ver- pflichtung ein, jedem Menschen die materiellen, institutionellen sowie pädagogischen Bedingungen zur Verfügung zu stellen, die ihm einen Zugang zum guten menschlichen Leben eröffnen und ihn in die Lage versetzen, sich für ein gutes Leben und Handeln entscheiden zu können (Nussbaum 1999). Die Soziale Arbeit steht auf dieser Grundlage vor der Herausforderung, eine Perspektive zu ent- wickeln, mit der es möglich wird, den materiell, kulturell und politisch-institutionell strukturierten Raum gesellschaftlicher Möglichkeiten in Bezie- hung zum akteursbezogenen Raum der individuel- len Handlungs- und Selbstaktualisierungsfähig- keiten ihrer Adressatinnen und Adressaten zu setzen (Otto / Ziegler 2008; Schrödter 2007). Folgt man dieser Perspektive, dann wird eine zu- künftige Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit sich daran messen lassen müssen, wie weit sie ihre professionellen Potenziale zu einer Gerechtigkeits- profession weiter entwickelt, d. h. die Befähigung ihrer Adressatinnen und Adressaten zur Selbst- bestimmung anstrebt und dabei gleichermaßen die strukturelle Aufgabe der Bereitstellung von Verwirklichungschancen nicht aus dem Auge ver- liert. Literatur Achinger, H. (1958): Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik: Von der Arbeiterfrage zum Wohlfahrtsstaat. Rowohlt, Hamburg Baecker, D. (1998): Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. In: Merten, R. (Hrsg.): Sozialarbeit Sozialpäd­ agogik Soziale Arbeit. Begriffsbestimmungen in einem un- übersichtlichen Feld. Lambertus, Freiburg, 177–206 Beck, U. (1992): Der Konflikt der zwei Modernen. Vom ökologischen und sozialen Umbau der Risikogesellschaft. In: Rauschenbach, Th., Gängler, H. (Hrsg.): Soziale Ar- beit und Erziehung in der Risikogesellschaft. Luchterhand, Neuwied/Kriftel/Berlin, 185–203 – (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/M. Böhnisch, L. (2002): Lebensbewältigung. Ein sozialpolitisch inspiriertes Paradigma für die Soziale Arbeit, in: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Leske und Budrich, Op- laden, 199–214 Böllert, K. (2000): Dienstleistungsarbeit in der Zivilgesell- schaft. In: Müller, S., Sünker, H., Olk, Th., Böllert, K. (Hrsg.): Soziale Arbeit. Gesellschaftliche Bedingungen und professionelle Perspektiven. Luchterhand, Neu- wied/Kriftel, 241–252 – (1995): Zwischen Intervention und Prävention. Eine an- dere Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit. Luchterhand, Neuwied/Kriftel/Berlin – (1992): Prävention statt Intervention. Eine andere Funkti- onsbestimmung sozialer Arbeit. In: Otto, H.- U., Hir- schauer, P., Thiersch, H. (Hrsg.): Zeit-Zeichen sozialer Arbeit. Luchterhand, Neuwied/Berlin/Kriftel, 155–164 Brunkhorst, H. (1989): Sozialarbeit als Ordnungsmacht. In: Olk, Th., Otto, H.-U. (Hrsg.): Soziale Dienste imWandel

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