Handbuch 5. Auflage
498 Ganztagsbildung Von Thomas Coelen und Hans-Uwe Otto Die Bezeichnung „Ganztagsbildung“ dient als Chiffre für einen gesellschaftstheoretisch fundier- ten Konzeptvorschlag, welcher Möglichkeiten zur Identitätsentwicklung und Ausbildung von Kin- dern und Jugendlichen in Jugendeinrichtungen und Schulen auf Basis der jeweiligen institutionel- len Eigenheiten – und damit ihrer bildungsrelevan- ten Strukturprinzipien – im Rahmen einer räum- lich begrenzten (regionalen oder lokalen) Bildungslandschaft fasst (Otto / Bollweg 2010). „Ganztagsbildung“ ist deshalb weder der Theorie- rahmen zur Organisationsform Ganztagsschule, noch transportiert der Begriff den Anspruch, jegli- che signifikante Lernerfahrung zu bündeln. Mit ihm ist stattdessen der Ansatz verbunden, über den ganzen Tag hinweg zu unterschiedlichen Zeiten vorfindbare vielfältige Lernkonstellationen und Bildungsangebote nach Bedarf und Neigung für die Entwicklung subjektiver Handlungsbefähigung und die Entfaltung von Verwirklichungschancen (Otto / Ziegler 2008) verfügbar zu machen. Es geht jedoch nicht darum, den ganzen Alltag unter ein Bildungs- oder Erziehungs-Kuratel zu stellen und auch die letztmögliche freie Zeit gegen alle Einsichten und Wünsche von Kindern und Jugendlichen zu verplanen. Dass jedoch durch die offensichtliche, aus unterschiedlichen Gründen all- mähliche Hinwendung des schulischen Lernens und einer immer stärker geforderten verlässlichen Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Ganz- tagsinstitutionen eine neue dynamische Situation in der Organisation und Definition von Erziehung und Bildung entstehen kann, wird als Schubkraft für die Forcierung einer Bildungsdebatte aufgefasst, die ihren Ausgangspunkt in dem zentralen Leitsatz sieht, dass Bildung mehr ist als Schule (Deutscher Städtetag 2007). Es ist daher Anliegen der Autoren dieses Hand- buchartikels, die traditionelle Konflikthaltung insbesondere zwischen Schul- und Sozialpädago- gik, aber auch zu anderen sozio-kulturellen An- geboten mit der Entwicklung des Begriffs und des Konzepts der „Ganztagsbildung“ produktiv zu überwinden. Die akademischen Disziplinen wie auch die zugehörigen Professionen sind somit aufgerufen, diesen bildungstheoretischen und -politischen Perspektivenwechsel unter dem An- spruch struktureller Verwirklichungsgerechtigkeit als Chance insbesondere für bislang sozial- und bildungsbezogen benachteiligte Kinder und Ju- gendliche zu ergreifen. Mit der Bezeichnung „Ganztagsbildung“ ist inten- diert, jenen neuen erziehungswissenschaftlichen und pädagogisch-praktischen Bereich zu systemati- sieren, der sich in seiner Dynamik bisher sowohl kreativ, als auch begrifflich verwirrend und häufig in der Sache unübersichtlich darstellt. Mit der Be- griffsetzung von „Ganztagsbildung“ ist beabsich- tigt, den Stand der äußerst vielfältigen und intensiv geführten Debatte der Jahre seit Veröffentlichung von PISA 2000 aufzuarbeiten, zu ordnen und in theoretische bzw. empirische Kontexte zu stellen, um Lehrenden, Studierenden und pädagogischen Leitungskräften in Schulen, Kinder- und Jugend- hilfeinstitutionen, sozio-kulturellen Einrichtungen und politischen Gremien besonders auf regionaler und kommunaler Ebene Orientierung und Unter- stützung zu bieten. Über diesen Zugang spannt der Begriff ein innovati- ves Spektrum auf, vor dessen Hintergrund disparate Felder zusammengedacht, getrennte Organisationen zusammengeführt, Schülerinnen und Schüler als Kinder und Jugendliche bzw. Adressatinnen und Adressaten unterschiedlicher Bildungssphären wahr- genommen, differente Theorieansätze und empiri- sche Zugänge in ihrem jeweiligen Ergebnisbezug geklärt, bildungspolitische und konzeptionelle Ent- würfe in ihrer Reichweite erkannt und erfahrungs- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art046, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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