Handbuch 5. Auflage
Gemeindepsychiatrie und Soziale Arbeit 521 ihre grundlegenden Konzepte und Leitperspekti- ven wie Empowerment, Salutogenese, Lebenswelt- orientierung, biopsychosoziales Krankheits- und Gesundheitsverständnis. Damit sind wichtige Neuerungen und Kontrastierungen gegenüber tra- dierten medizinnahen und auf die Pathologie kon- zentrierte Perspektiven gesetzt. Doch gleichzeitig verbleiben diese Begriffe oftmals als disparate Schlaglichter, von denen keine theoretische Ver- dichtung und damit keine konzeptionelle Wirkung auf die professionelle Selbstverortung und Praxis Sozialer Arbeit in der Gemeindepsychiatrie aus- gehen. An dieser Stelle wäre ein subjekt- und bio- grafietheoretischer Ansatz zu fordern und eine wissenschaftliche wie praktische Perspektive, die den konkreten Fall in seiner gesellschaftlichen Ge- bundenheit, seiner sozialen Konstruktion und bio- grafischen Eigensinnigkeit zu erfassen weiß, die Prozesse von Erkrankung und Gesundung in ihrer Dialektik und Widersprüchlichkeit produktiv nut- zen kann und die Bedeutsamkeit der Anerkennung der anderen als andere zu respektieren weiß. Mar- gret Dörr (2005) betitelt eine solche subjekttheore- tische Konzeption als eine Leitidee der „Sozialen Anerkennung“ für die Praxis Sozialer Arbeit in der Psychiatrie. Konsequenz eines solchen Ansatzes ist es allerdings, den Blick über die Frage der „richti- gen Versorgung“ psychisch erkrankter Menschen hin zu komplexen Begleitungen und Praxen sozia- ler Anerkennung zu transformieren. Die Studie von Manfred Jehle (2007) hat anhand biografischer Interviews mit psychiatrieerfahrenen Menschen aufzeigen können, dass das Netz gemeindepsychi- atrischer Arrangements bedeutsamer Erfahrungs- raum für Inklusionen sein kann und Gemeinde- psychiatrie in diesem Sinne „Produzent“ von Möglichkeitsräumen für die Betroffenen sein muss. Die Studie hat ebenfalls gezeigt, dass „wirksame“ Hilfe nicht in der Richtigkeit einer spezifischen Maßnahme begründet ist, sondern in der Fähigkeit der Hilfearrangements, sich in Form persönlich zu- gewandter Beziehung auf die spezifischen Lebens- situationen und Perspektiven der Betroffenen ein- zulassen. Es geht darum, dass aus der Perspektive der Betroffenen soziale Gestaltungen und soziale Teilhabe, Praxen der Anerkennung entstehen kön- nen. Eine in diesem Sinne verstandene professio- nelle Praxis Sozialer Arbeit in der Gemeindepsy- chiatrie wird nicht die gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen, in der sich die Sozialpsy- chiatrie befindet, lösen können. Die Praxis Sozialer Arbeit bedarf aber jenseits einer ökonomisierenden Versorgungspraxis eines sensiblen Umgangs mit den Subjekten der Gemeindepsychiatrie, eine Wahrnehmung ihrer Selbstperspektiven und dem Versuch fördernde soziale Arrangements zu eröff- nen, die Vergemeinschaftungspraxen und nachhal- tige „Selbstverortungen“ der psychisch erkrankten Personen ermöglichen. Dabei wird der „Fallbezug“ als sensible, verbindliche Interaktionsarbeit selbst zu einem bedeutsamen Teil einer Sinn herstellen- den sozialen Praxis (Hanses 2002; Jehle 2007). Literatur Bosshard, M. (2008): Soziale Arbeit und Psychiatrie. In: Gahleitner, S., Hahn, G. (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Psychiatrie-Verlag, Bonn, 151–162 –, Ebert, U., Lazarus, H. (2007): Soziale Arbeit in der Psy- chiatrie. Psychiatrie, Bonn Bourdieu, P., Wacquant, L. (1996): Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt/M. Dammann, G. (2007): Für eine „Neue Sozialpsychiatrie“: Aktuelle Brennpunkte und Entwicklungslinien der psy- chiatrischen Versorgung im Spannungsfeld von integrati- ven und gesundheitsökonomischen Perspektiven. Fort- schritte der Neurologie Psychiatrie 75, 593–606 Dörner, K. (2001): Die Zukunft der Gemeindepsychia- trie – die Gemeindepsychiatrie der Zukunft. Sozialpsychi- atrische Information, Sonderheft, 11–13 – (1975): Bürger und Irre. Zu Sozialgeschichte und Wissen- schaftssoziologe der Psychiatrie. Fischer, Frankfurt/M. –, Plog, U. (2007): Irren ist menschlich. Psychiatrie, Bonn Dörr, M. (2005): Soziale Arbeit in der Psychiatrie. Ernst Reinhardt, München/Basel Eikelmann, B., Reker, T., Richter, D. (2005): Zur sozialen Exklusion psychisch Kranker – Kritische Bilanz und Aus- blick der Gemeindepsychiatrie zu Beginn des 21. Jahr- hunderts. Fortschritte der Neurologie Psychiatrie 73, 664–673 Foucault, M. (1986): Sexualität und Wahrheit. 3. Bd.: Die Sorge um Sich. Suhrkamp, Frankfurt/M. – (1985): Freiheit und Selbstsorge. Materialis, Frankfurt/M. – (1982): Wahnsinn und Gesellschaft. Suhrkamp, Frank- furt/M. – (1978): Historisches Wissen der Kämpfe und Macht. In: Foucault, M.: Dispositive der Macht. Merve, Berlin, 55–74
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