Handbuch 5. Auflage

520 Hanses  orientierung zu entwickeln, die biografische Er- fahrungen und Konstruktionen als „sozialisierte Subjektivität“ (Bourdieu /Wacquant 1996) be- greift, somit Eigensinn und Vergesellschaftung gleichermaßen zu verstehen und das biografische Wissen als bedeutsame „Ressource“ für Lebens- bewältigung zu begründen vermag. Eine in diesem Sinne verstandene Gemeindepsychiatrie könnte und müsste ihre eigene Praxis ganz anders fundie- ren. Damit wären neue Begründungszusammen- hänge eröffnet und Positionierungen gegenüber gegenwärtigen gesundheitspolitischen Imperativen möglich. Die Gemeindepsychiatrie benötigt For- schungen, die diesen Subjektbezug leisten und gleichzeitig die Bedeutsamkeit sozialer Praxen in den Lebenswelten erfassen kann (Hanses 2005, 2009a). Denn die Gemeindepsychiatrie benötigt über das Wissen der Wirkung von einzelnen Maß- nahmen hinaus vielmehr Kenntnis über die Wirk- samkeit sozialer Arrangements sowie die Relevanz und die Widersprüchlichkeit biografischer An- schlussfähigkeit an (psychiatrische) Dienstleistun- gen und soziale (lebensweltliche) Gelegenheits- strukturen. Soziale Arbeit und Gemeindepsychiatrie Wie schon betont, handelt es sich bei der Gemein- depsychiatrie um ein interprofessionelles Feld. Zwar haben die Mediziner weiterhin die diagnosti- sche Definitionshoheit, gleichzeitig lassen sich die veränderten Aufgaben und Herausforderung der Gemeindepsychiatrie nicht mehr allein durch me- dizinische Strategien lösen, sondern bedürfen an- derer professioneller Kompetenzstrukturen. Ins- besondere die Integration psychisch erkrankter Menschen in Arbeits- und autonome Wohnver- hältnisse hat den Einbezug Sozialer Arbeit in dieses Berufsfeld erfordert. Mittlerweile stellt die Soziale Arbeit die größte Professionsgruppe in der Ge- meindepsychiatrie dar. Umgekehrt ist die Psychia- trie für die Soziale Arbeit ebenso ein bedeutsames Arbeitsfeld im Kontext des Gesundheitsbereichs geworden. Die mittlerweile umfassende Fachlitera- tur zum Thema Psychiatrie und Soziale Arbeit do- kumentiert diesen Trend sehr eindrücklich (Boss- hard 2008; Bosshard et al. 2007; Dörr 2005; Haselmann 2008; Hörster 1999; Schaub 2008; Zimmermann 2005; v. Kardorff 2005). Grund- legend liegen die Aufgaben der Sozialen Arbeit im Kontext der psychosozialen Betreuung der psy- chisch erkrankten Menschen sowie in der Unter- stützung integrativer Bemühungen in den Ge- meindekontext und in den gemeindebezogenen Versorgungskontext. Ein bedeutsamer Teil profes- sioneller Praxis Sozialer Arbeit besteht in der Un- terstützung eines eigenständigen oder betreuten Wohnens. Da hinsichtlich des Wohnens in einer eigenen Wohnung auch aus der Einschätzung der Betroffenen selbst unterschiedliche Bedarfe der Unterstützung formuliert werden, sind verschie- dene Wohnformen entwickelt worden wie betreu- tes Einzelwohnen, (therapeutische) Wohngemein- schaften, Übergangswohnheime und andere Betreuungen. Weitere bedeutsame Tätigkeitsberei- che liegen in der Unterstützung der Tagestrukturie- rungen der psychisch Erkrankten im Kontext von Tagesstätten, Kontakt- und Begegnungsstätten und Tageszentren. Natürlich liegt ein zentraler Bereich professioneller Praxis Sozialer Arbeit in der beruf- lichen Rehabilitation. Dabei handelt es sich um Projekte zur Wiedereingliederung in einen berufli- chen Prozess oder die Integration in spezielle Ein- richtungen zur beruflichen Rehabilitation sowie Werkstätten für Behinderte (Bosshard et al. 2007; Dörr 2005). Darüber hinaus können Krisenver- sorgung, aufsuchende Dienste, Selbsthilfe und Trialog weitere Aspekte sozialpädagogischer Praxis darstellen (Zimmermann 2005). Die methodischen Strategien der Sozialen Arbeit lassen sich in „um- feldbezogene“ und „personenbezogene“ Methoden differenzieren (Bosshard et al. 2007). In den ersten Komplex würden v. a. Formen der Netzwerkarbeit in der Gemeinde und ein damit verbundenes Case Management impliziert sein, um eine sinnvolle so- ziale Sicherung und Integration der psychisch er- krankten Menschen zu gewährleisten. Im zweiten Komplex können Beratungsarbeit, psychoeduka- tive oder biografiebezogene Konzepte als sinnvolle Methoden genannt werden (Dörr 2005; Hasel- mann 2008; Obert 2006). Schaub (2008) hebt darüber hinaus die Notwendigkeit einer gelingen- den „Interaktionsarbeit“ hervor. Die Bedeutung der Sozialen Arbeit in der Gemein- depsychiatrie kann dennoch nicht ausschließlich durch ihre Methodenorientierung und Methoden- kompetenz oder ihrer allgemeinen Verweisung auf das Soziale beschrieben werden. Es sind vielmehr

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