Handbuch 5. Auflage
523 Gemeinschaft Von Karin Böllert Sozialpädagogik und Gemeinschaft Die Auseinandersetzungen mit dem Gemein- schaftsbegriff und die Bezugnahme auf die Ent- wicklungsprozesse von Gemeinschaften haben in- nerhalb der Sozialpädagogik eine lange Tradition. So hat Mollenhauer bereits 1959 gezeigt, dass Ge- meinschaft als pädagogische Aufgabe immer dann virulent wird, wenn das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft als problematisch wahrgenommen wird. Von daher zeichnet er die Ursprünge dieser Diskussion in den Schriften Schleiermachers nach, der erstmals 1799 vor dem Hintergrund der Auf- klärung der französischen Revolution sowie der damit aufkommenden Idee der individuellen Selbstverwirklichung den Versuch unternimmt, eine „Theorie des geselligen Betragens“ zu begrün- den. Ausgangspunkt der hierauf aufbauenden Überlegungen ist der Umstand, dass alte Formen der Geselligkeit gegenüber der Wirklichkeit einer zunehmend industriell geprägten Gesellschaft ihre strukturierend Wirkung verlieren. Die Unterschei- dung von Gemeinschaft und Gesellschaft, die spä- testens seit dem erstmaligen Erscheinen des gleich- namigenWerkes vonTönnies (1887) immer wieder zu grundlegenden Analysen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse herangezogen wird, geschieht in diesem Kontext vorwiegend als Problematisie- rung des Verlustes von Gemeinschaftserfahrungen. Das Gemeinschaftliche als Wert (Mollenhauer 1959) hat hier ebenso seine Ursprünge wie der mit dem Gemeinschaftsbegriff häufig einhergehende Sozialromantizismus. Obwohl das Werk von Tönnies sich nicht durch eine durchgehende Systematik auszeichnet – vgl. hierzu die jeweiligen Interpretationen in Weber (1921), Geiger (1931), König (1955) und Plessner (1959) –, hat seine idealtypische Begriffsbildung von Gemeinschaft und Gesellschaft jahrzehntelang zu einem dichotomen Verständnis beigetragen, das erst in jüngster Zeit durch ein reziprokes Verhältnis abgelöst wird. Gemeinschaft und Gesellschaft stel- len für Tönnies zwei Extrempole unterschiedlicher Typen von Verbundenheit dar. Während in der Gesellschaft zweckrationale Tauschbeziehungen ohne innere Verbundenheit dominieren, ist die Ge- meinschaft durch gemeinsames, aufeinander bezo- genes Handeln charakterisiert, das seine Wurzeln in den durch die Gemeinschaft vermittelten Tradi- tionen, in gelebter dauerhafter und stabiler Ver- bundenheit hat. Gemeinschaft ist so das entschei- dende Medium sozialer Integration. Während des gesamten 19. Jahrhunderts ist die sich etablierende Sozialpädagogik durch ihren Bezug auf einen sol- chen Gemeinschaftsbegriff bestimmt. Heraus- ragender Vertreter ist in dieser Zeit Natorp, der in seiner 1899 erstmals veröffentlichten „Sozialpäd agogik“ ausführt, dass der Mensch zum Menschen wird allein durch menschliche Gemeinschaft. In diesem Sinne sieht er die Aufgabe der Pädagogik darin, sich an der Organisation von Gemeinschaf- ten zu beteiligen, da nur über die Kraft des Ge- meinschaftlichen Gesellschaft möglich wird – eine Annahme, die auch in Teilen der Kommunitaris- mus-Debatte wieder auftaucht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Re- publik ist der Gemeinschaftsdiskurs in erster Linie geprägt durch die Jugendbewegung, die beispiels- weise in Form der Wandervogel-Bewegung das un- mittelbare, zweckfreie Wir-Erlebnis, die Erfahrung der Gemeinschaft Gleichaltriger und Gleichge- sinnter in kleinen Gruppen eigener Wahl der abs- trakten bürgerlichen Erwachsenenwelt gegenüber stellt (Müller 1988a). Seine radikale Pervertierung erfährt der Gemein- schaftsbegriff dann in der nationalsozialistischen Idee der Volksgemeinschaft. Gemeinschaft wird hier zum rassistischen Ausschließungskriterium, Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art049, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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