Handbuch 5. Auflage
524 Böllert Individualität ist nur noch als gemeinschaftsbe- stimmte und gemeinschaftsverbürgte möglich. In dieser Perspektive ist Gemeinschaft dann weder als Gegenbegriff zu dem der Gesellschaft konzipiert, noch gilt sie als notwendiges Mittel zur Integration in die Gesellschaft. Stattdessen löst die Volksge- meinschaft die Möglichkeit von Individualität auf, womit über den Begriff der Gemeinschaft der ge- sellschaftliche Zugriff auf das Individuum total wird (Otto / Sünker 1986). Diese spezifisch deutsche Variante des Gemein- schaftsbegriffes führt nun dazu, dass er in den sozi- alpädagogischen Diskussionen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch selten gebraucht wird. Ansatz- weise wird er lediglich in der Methodendiskussion der Sozialpädagogik, d. h. im Bereich der Gruppen- und Gemeinwesenarbeit wieder aufgenommen (Müller 1988b), ohne dabei seine vormalige Be- deutung wieder zu erlangen, und ohne dass dies zu einer weitergehenden wissenschaftlichen Fundie- rung methodischen Handelns beigetragen hätte. Erst mit dem Aufkommen unterschiedlicher For- men sozialer Selbsthilfe und der sozialen Bewegun- gen gegen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre nimmt auch die Bedeutung des Gemein- schaftsbegriffes wieder zu. Selbsthilfegruppen und soziale Bewegungen gelten in dieser Hinsicht als neue Gruppenangebote, die als inszenierte Gemein- schaften bezeichnet werden. Puch (1991) geht da- von aus, dass Selbsthilfegruppen und soziale Bewe- gungen individuelle Stabilität und Orientierung in einer pluralisierten Gesellschaft vermitteln können. Demzufolge bieten sie Hilfestellungen in biographi- schen Umbruchsituationen an und leisten Unter- stützung bei der Identitätsarbeit. Die Inszenierung von Gemeinschaften knüpft somit daran an, dass im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungstendenzen sich herkömmliche Gemeinschaftsformen entweder auflösen oder im Rahmen einer strukturellen Über- forderung ihren ursprünglichen Funktionen nicht mehr nachkommen können. Im Gegensatz zu der insbesondere auf Beck (1986) zurückzuführenden Betonung des Gemeinschaftsverlustes im Rahmen von Individualisierungsprozessen geht diese Position somit von der Möglichkeit der Herausbildung post- traditionaler Gemeinschaften aus (Böllert 1995). Grundlegend hierfür ist, dass die traditionell polare Fassung von Gemeinschaft und Gesellschaft zuguns- ten einer Sichtweise aufgegeben wird, die erkennt, dass es sich bei der Inszenierung von Gemeinschaf- ten „um etwas Drittes, Neues handeln soll, das in seiner spezifischen Strukturierung zu erschließen ist“ (Gildemeister (1989, 82). „Wie können Ge- meinschaften, die etwas Gewachsenes zum Aus- druck bringen, gleichzeitig inszeniert also künstlich sein“ (Puch 1991, 16), ist die Frage, die es demnach zu beantworten gilt. Die Inszenierung von Gemein- schaften wird bei entsprechenden Antwortversuchen dann als ein umfassender Arbeitsansatz betrieben, der für viele sozialpädagogische Arbeitsfelder ein Modell sozialer Hilfe abgibt. Für den von Böhnisch (1994, 10) so bezeichneten Weg aus der Sackgasse der Individualisierung benötigt die Gesellschaft zu- nehmend die sozialintegrative und gemeinschafts- bildende Kraft der Sozialpädagogik. Die sozialpäd agogische Inszenierung von Gemeinschaften als Modell sozialer Hilfe wird somit als Prozess zur Her- stellung sozialer Integration verstanden. Das aber heißt, dass eine weitergehende Analyse inszenierter Gemeinschaften untersuchen muss, inwieweit „ge- rade in der Qualität der ‚Inszenierung‘ der Schlüssel zu finden ist, (der) mit der empathisch gedachten, neoromantisch inspirierten ‚Gemeinschaft‘ wenig oder gar nichts gemein hat“, und der am ehesten als eine Art „vergemeinschafteter Vergesellschaftung“ zu beschreiben ist (Gildemeister 1989, 84). Schließlich wird über die Auseinandersetzung mit Kohlbergs Ansatz der „just-community“ ein solches Beispiel sozialpädagogischer Inszenierung von Ge- meinschaften diskutiert, was Brumlik (1989, 376) dazu veranlasst hat, von der Sozialpädagogik wie- der als einer Kunst zu sprechen, die „im Medium der Gemeinschaft zur Gemeinschaft bildet“. Ne- ben diesen, quantitativ betrachtet allerdings eher singulären Auseinandersetzungen mit einem Ge- meinschaftsbegriff in der Sozialpädagogik beginnt diese erst wieder mit der Rezeption der, als Kom- munitarismus bezeichneten, amerikanischen Ge- meinschaftsdebatte. Kommunitarismus-Debatte Zentrale Ausgangsthese der Kommunitaristen ist, dass eine Gesellschaft, die sich im wesentlichen auf automatisierte, voneinander isolierte und nur ihren Eigeninteressen verpflichtete Individuen stützt, ihre eigenen Grundlagen untergräbt (Reese-Schäfer 1994). Stattdessen können die entscheidenden Probleme der Gegenwart nur dann ausreichend
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