Handbuch 5. Auflage

532  Gender, Genderforschung Von Susanne Maurer und Michael May Vor dem Hintergrund der Neuen Frauenbewegung entwickelte sich auch im Kontext Sozialer Arbeit eine Aufmerksamkeit für die – nach wie vor um- strittene – Bedeutung der Kategorie Geschlecht (Gender). Der Begriff Gender verweist auf ein wi- dersprüchliches Spektrum zwischen Betonung und Relativierung von Differenzen, die auf Geschlecht zurückgeführt oder bezogen werden. Unterschied- liche Geschlechtertheorien wirken sowohl in der Genderforschung wie auch in der (sozial)pädago- gischen Praxis. Ihre systematische Charakterisie- rung und historische Kontextualisierung kann dazu verhelfen, verschiedene Elemente des Denkens und Handelns im Kontext genderreflexiver Sozialer Ar- beit zu sortieren und genauer zu betrachten. Im Folgenden wird zunächst das Spektrum der Genderforschung in einer Verschränkung der Pers­ pektiven aus feministischer Forschung und kritischer Männerforschung skizziert, um in systematischer Weise verschiedene Dimensionen des Gegenstands- bereichs und gleichzeitig unterschiedliche theoreti- sche Ausgangspunkte und Zielrichtungen und deren Implikationen für die Soziale Arbeit zu markieren. In einem zweiten Schritt werden Thematisierungs- dynamiken im Kontext feministischer Theorie-Debatten rekonstruiert. Dabei zeigt sich die politi- sche Brisanz des Forschungsfeldes. Genderforschung im Spiegel der Männerforschung Unter demTitel „Public Man, Private Woman“ hat Elshtain (1981) eine auf den Feminismus bezogene Systematik formuliert, die einer geschlechterpoliti- schen Orientierung folgt. Jeff Hearn (1987) hat diese auch auf Männerforschung und Männer- bewegung zu beziehen versucht (zur Zuordnung der Ansätze und Quellen Bentheim et al. 2004, Kap. III). Demnach entspräche dem „liberalen Fe- minismus“ auf männlicher Seite jener Diskurs der „Männerbefreiung“, der in Deutschland sehr starke Verbreitung durch die Arbeiten von Walter Holl- stein (1991) erfahren hat. Eine ähnliche Beziehung wird zwischen dem – besonders stark durch Lesben mitgeprägten – „radikalen Feminismus“ und der Schwulenbewegung gesehen. Auch zwischen „psy- choanalytischem Feminismus“ und „psychoana- lytischer Männerforschung“ gibt es deutliche Pa- rallelen. Ein „marxistisch-sozialistischer Feminismus“ konnte besonders in den 1970er und 1980er Jahren interna- tional deutliche Akzente setzen. Demgegenüber blieb der Diskurs marxistisch-sozialistischer, anti- sexistischer Männer eher auf England begrenzt. An- sätze, die Elemente der Marxschen Theoriebildung in ihrer Auseinandersetzung mit Fragen der Männ- lichkeit aufgreifen, finden sich in der deutschen Dis- kussion eher in synthetisierenden Konzepten (siehe die entsprechende Diskussion in den Zeitschriften „Das Argument“ und „Widersprüche“). In den letzten Jahren wurden ein postmodernisti- scher, poststrukturalistischer, dekonstruktivisti- scher Feminismus (Benhabib et al. 1993) sowie die daraus sich entwickelnden „queer studies“ auch in Deutschland stark rezipiert. Neben der geschlechterpolitischen Systematisierung wird in historischen Rekonstruktionen als Darstel- lungsmedium häufig ein Phasen- oder Etappen-Mo- dell gewählt, mit dem allerdings die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Gender-Politiken in der wis- senschaftlichen, professionellen und politischen Praxis unterbelichtet bleibt, die auf Kontroversen, Vielfalt und Mehrdeutigkeit verweist. Zu reflektie- ren wäre, in welcher historisch-gesellschaftlichen oder auch institutionellen und sozialen Situation ganz bestimmte Sichtweisen auf Geschlecht, Ge­ schlechterdifferenz(en), Geschlechterhierarchie(n) Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art050, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=