Handbuch 5. Auflage

542 Maurer · May  2009, 9) und Wissen einhergehen. In der derzeit stattfindenden Umgestaltung von Hochschulland- schaften und Wissenschafts(förder)politiken er- scheinen erkenntniskritische Überlegungen häufig eher als Störfaktor. Wissenschafts- und Erkenntnis- kritik, und damit verbunden auch grundlegende methodologische Reflexionen, stellen allerdings die zentralen Elemente einer kritischen Genderfor- schung dar, die sich die Analyse und „Aufklärung“ gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse in einer Perspektive der Herrschaftskritik zur Aufgabe macht. „Vier Jahrzehnte nach ihrer mehr oder weniger erfolgrei- chen Etablierung ist die Frauen- und Geschlechterfor- schung nicht mehr auf der Suche nach ihrem Gegenstand […], sondern ihre Gegenstände – die gesellschaftlichen (Geschlechter)Arrangements ‚im Großen‘, die individuel- len Arrangements ‚im Kleinen‘, das Geschlechterverhält- nis ebenso wie die Geschlechterbeziehungen – sind gründlich in Bewegung geraten und in tief greifenden Umbrüchen begriffen.“ (Aulenbacher / Riegraf 2009, 16) So wird denn auch in den letzten Jahren unter der Überschrift „Intersektionalität“ (in der Praxis Sozia- ler Arbeit als Umgang mit und Reflexion von „diver- sity“ eine Art Entsprechung findend) Geschlecht als zentrale Bezugskategorie problematisiert oder doch zumindest relativiert; damit werden unterschiedliche „Achsen der Differenz“ (Knapp /Wetterer 2003) bzw. „Differenzordnungen“ (Mecheril 2008) in ih- remVerhältnis zueinander ausdrücklich zumGegen- stand der Untersuchung. Für die Soziale Arbeit ist die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Un- gleichheiten (Klinger/Knapp 2008), gerade auch in ihrem nicht immer leicht zu durchschauenden Ver- hältnis zueinander, nicht neu. Dies analytisch zu fassen und die vielschichtigen Verhältnisse von Un- gleichheit und Differenz (May 2007; Lutz/Wenning 2001) angemessen zu erhellen bleibt denn auch eine wissenschaftliche wie professionelle Herausforde- rung. Sollte dabei womöglich wieder aus dem Blick gera- ten, welche zentrale Bedeutung „Geschlecht“ für die „Existenzweisen“ (Maihofer 1995) der Indivi- duen und ihre sozialen Bezüge hat, so kann das gerade für Soziale und pädagogische Arbeit ein Problem darstellen. Wenn es darum geht, die all- täglichen und biographischen Erfahrungen der Menschen ernst zu nehmen, die Praktiken ihrer Lebensführung und auch ihre „Selbst-Verhältnisse“ jenseits von Zuschreibungen wahrzunehmen, um gemeinsam an Entwicklungs-, Bildungs- und Ver- wirklichungsmöglichkeiten arbeiten zu können, so müssen sicherlich die vielfältigen Konstellationen Berücksichtigung finden, in denen sich gesell- schaftlich komplexer gewordene Formen von Herr- schaft, Ungleichheit und Differenz heute zeigen. Der spezifische Zusammenhang von Gesellschafts- und Erkenntniskritik, der für die Frauen- und Ge- schlechterforschung, aber auch für die kritische Männerforschung kennzeichnend ist, hält hier- für – gerade auch in seinen selbstkritischen Bewe- gungen – reichhaltiges Potenzial bereit. Literatur Aulenbacher, B., Riegraf, B. (Hrsg.) (2009): Erkenntnis und Methode. Geschlechterforschung in Zeiten des Umbruchs. VS Verlag, Wiesbaden Bachofen, J.J. (1980): Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur (Auswahl). Suhrkamp, Frank- furt/M. Badinter, E. (1986): Ich bin Du – die neue Beziehung zwi- schen Mann und Frau. Piper, München Barz, H. (1984): Männersache. Kritischer Beifall für den Fe- minismus. Kreuz-Verlag, Stuttgart/Zürich Baucom, D. h., Aiken, P.A. (1984): Sex Role Identity, Mari- tal Satisfaction, and Response to Behavioral Marital The- rapy. Journal of Consulting and Clinical Psychology 52, 438–444 Becker-Schmidt, R. (1987): Frauen und Deklassierung. Ge- schlecht und Klasse. In: Beer, U. (Hrsg.), 187–235 Beer, U. (Hrsg.) (1987): Klasse Geschlecht. Feministische Gesellschaftsanalyse und Wissenschaftskritik. AJZ-Verlag, Bielefeld Benhabib, S. (1992): Kritik, Norm und Utopie. Über die normativen Grundlagen der Kritischen Theorie. Fischer, Frankfurt/M. –, Butler, J., Cornell, D., Fraser, N. (1993): Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegen- wart. Fischer, Frankfurt/M. Benjamin, J. (1990): Die Fesseln der Liebe: Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Fischer, Frank- furt/M.

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