Handbuch 5. Auflage

Gender, Genderforschung 541 ganz vielfältig verschieden sind (Maurer 2008). Die in den vielfältigen Konstellationen von Diffe- renz nach wie vor enthaltenen – auch gewalt- samen – Einschlüsse und Ausschlüsse müssen als „soziale Ungleichheiten“ aber nach wie vor thema- tisiert werden können, und hier zeigt sich die Be- deutung der genauen Bestimmung von konkreten Ungleichheiten in ganz konkreten Situationen, die sich letztlich nur mit Hilfe eines komplexen Instru- mentariums empirischer Sozialforschung vorneh- men lässt. Das analytische Konzept der „Inter- sectionality“ (Knapp 2008) stellt einen aktuellen Versuch dar, die Vielfalt und Vielschichtigkeit in der Konstellation von Differenzen auch unter Be- rücksichtigung von Ungleichheit zu fassen. Genderreflexives Denken und Soziale Arbeit Frauen-, Geschlechter- und Männlichkeitsfor- schung im Kontext Sozialer Arbeit haben sich in den vergangenen Jahren vielfältig von anderen Disziplinen inspirieren lassen. So wurden Begriffe und Denkfiguren ebenso aufgenommen wie Me- thodenrepertoires. Dabei handelt es sich nicht einfach um einen Theorie-„Import“. Vielmehr ist im Sinne einer kontextualisierenden Erkenntnis- strategie nach den konkreten Aufgaben- und Pro- blemstellungen Sozialer Arbeit zu fragen, auf die hin bestimmte Begriffe und Analytiken sowie me- thodische Zugänge zu transformieren sind, um sich für die Soziale Arbeit als produktiv erweisen zu können. So sind Gesellschafts- und Subjektperspektiven bzw. Mikro- und Makroebene eine Schnittstelle zwischen Genderforschung und Sozialer Arbeit. In der Sozialen Arbeit jedoch sind diese Perspektiven auf spezifische Weise vermittelt: Es geht dabei nicht nur um die Frage, warum unter bestimmten Rah- menbedingungen auf eine bestimmte Weise ge- handelt wird, sondern auch darum, wie sich dieses Handeln verändern kann. Dieser Aspekt der Trans- formation, der nicht zuletzt mit dem Bildungsbe- griff gefasst wird, verweist auf das „pädagogische Element“, das jeder Perspektive innewohnt, die auf eine Erweiterung der Lebensmöglichkeiten von Menschen zielt. Es geht hier immer auch um Selbstveränderung und Selbstbefreiung, um „Emanzipation“ (Maurer 2001) – und nicht nur um die Veränderung der gesellschaftlichen Rah- menbedingungen und konkreten Lebenssituatio- nen. So wurde in der Sozialen Arbeit eine spezifische Aufmerksamkeit für die Praktiken der Menschen ausgebildet – stets mit Blick auch auf die Möglich- keiten der Entwicklung und Überschreitung des Gegebenen. Gerade die konkrete Auseinanderset- zung mit den Lebensbewältigungsstrategien der AdressatInnen hat auch immer wieder zu Weiter- entwicklungen und Präzisierungen in der Theorie- bildung geführt. Der Theorie-Praxis-Zusammen- hang stellt deshalb nicht nur ein Problem, sondern auch eine spezifische Ressource dar. Und hierin be- steht auch ein spezifischer Beitrag der Sozialen Ar- beit für die Genderforschung. Da Soziale Arbeit sich in Wissenschaft und Praxis mit der Notwendigkeit des Handelns auseinander- zusetzen hat, kann sie sich der normativen Dimen- sion nicht entziehen, die über (selbst)-kritische Re- flexivität auch in ihrer Brüchigkeit und Konflikthaftigkeit erkennbar wird. Selbst darin weiß sie sich mit der Genderforschung verbunden, die sich als wissenschaftliche Forschung und Er- kenntnis ebenfalls stets im Spannungsfeld politi- scher und ethischer Fragen bewegt. Ein „demystifi- zierender Anspruch“, wie er schon in der klassischen Ideologiekritik und dann auch im Dekonstrukti- vismus erhoben wurde / wird, hätte so neben den eigenen theoretischen Vorannahmen und Konzep- ten, deren alltagsweltlichen Voraussetzungen und politischen Konnotationen, auch die institutionel- len (und disziplinären) Abhängigkeiten zu reflek- tieren, ebenso wie die Positionierungen in der Scientific Community. Denn ein nicht unwesentli- ches Element, das das Selbstverständnis und die Selbstbehauptungsanstrengungen der Genderfor- schung im Gefüge der Disziplinen beeinflusst, sind die Abwertungsprozesse, denen sie sich immer wie- der ausgesetzt sieht, und an denen sie auf paradoxe und komplizierte Weise auch selbst beteiligt ist (Casale / Rendtorff 2008). Ausblicke Aktuelle (Zwischen-)Bilanzierungen der Gender- forschung thematisieren die gesellschaftlichen Um- brüche, die auch mit „Umbrüchen in der Organi- sation von Wissenschaft“ (Aulenbacher / Riegraf

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=