Handbuch 5. Auflage

545 Gender-Mainstreaming in der Sozialpädagogik Von Maria-Eleonora Karsten Zur aktuellen Situation und zur tendenziellen Widerständigkeit des Themas Gender in der Sozialpädagogik Die sozialpädagogischen Theoriebildungs-, For- schungs-, Empirie-, Methoden– und Praxisansätze kennen langjährig die Diskurse, in denen soziale Ungleichheiten und soziale Gerechtigkeiten als Kern sozialpädagogischer Theorie-, Alltags- und Praxisgestaltung ausgehandelt werden. Die patriar- chale Grundfigur und ihre Konkretisierung in so- zialen (Frauen-)Berufen ist dagegen zwar durchaus Thema in historischen Analysen der Herausbildung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik als Berufe, als durchgängiger Struktur- und Analysebereich jedoch eine bis heute ungelöste Entwicklungsauf- gabe. Und obwohl die Realisierung von Gender- und Diversity-Analysen und Lehrangeboten in Ak- kreditierungsprozeduren von Studiengängen ein zu überprüfendes, anerkanntes Qualitätsmerkmal ist, kann von durchgängigen, vertieften Reflexionen bis heute nicht die Rede sein. Angesichts der immer neuen Aufforderungen von Netzwerken wie z. B. dem Europäischen DECET (Diversity in Early Childhood Education and Trai- ning) (2007) oder Veröffentlichungen, auch 2009, die immer noch die Befassung mit dem Gender- Thema (Böllert /Karsunky 2008) einfordern, muss sogar von einer gewissenWiderständigkeit der sozi- alpädagogischen Theorie- und Empirieentwick- lung ausgegangen werden und davon, dass auch in der Praxis class, race, gender – besonders in ihren vielfältigen wechselseitigen Bedingtheiten und Re- lationen – immer wieder die Tendenz haben, ver- drängt zu werden. Gender-Mainstreaming – ein fortdauerndes Arbeitsprogramm Aus der Vogelperspektive betrachtet, wird in den Diskurskonjunkturen seit den 1970er Jahren und verstärkt seit dem Mädchenjugendbericht (1986) immer wieder auf einzelne Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe eingegangen – Gender in Kinder- tagesstätten (Rabe-Kleberg 2003) oder besondere soziale Problemlagen von Jungen (Rohrmann 2007; Meyer 2006). Eine durchgängige Realisie- rung und konsequente Berücksichtigung der Tatsa- che, dass überwiegend Frauen interaktiv in der So- zialpädagogik tätig sind, was in jeder Empirie differenzierend zu berücksichtigen wäre, findet sich jedoch nicht. Dies bleibt somit eine theoretische und empirische Herausforderung und führt dazu, das Arbeitsprogramm Gender-Mainstreaming zu skizzieren. Wird Gender-Mainstreaming als Analyse- und Ar- beitsprogramm für die besondere soziale Konstruk- tion und Konstitution der sozialpädagogischen Profession und ihrer Weiterentwicklung verstan- den, dann rückt in den Blick, dass dieses Feld dop- pelt sozial konstituiert ist: zum einen als je differen- zierte Ausprägung in sozialen Berufen in der Vielfalt sozialpädagogischer Handlungsfelder und zum anderen in der sozialen Konstruktion der per- sonenbezogenen sozialen Dienstleistungsarbeit mit Adressatinnen und Adressaten, die koproduktiv die jeweilige sozialpädagogische Arbeit ausgestalten. Im Einzelnen bedeutet dies, dass jedes Feld des Gender-Mainstreaming in die sozialpädagogische Verfasstheit hinein zu konkretisieren ist und vice versa. Jedes sozialpädagogische Handeln, jeder Be- fund, jede Analyse und jede Theoriebildung ist daraufhin zu befragen und auszuarbeiten, ob und wie in angemessener Weise die Gender-Frage zu- reichend und angemessen bearbeitet wird. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art051, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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