Handbuch 5. Auflage

56 Raithelhuber / Schröer  tische Vorstellungen von „individual agency“ oder „human agency“ zurückgewiesen: Denn das sozial- wissenschaftliche Konstrukt agency wird häufig als ein Prinzip, ein Zustand, ein Grundelement oder gar als ein generelles personales Charakteristikum von Menschen behauptet. Oft wird davon ausge- gangen, dass agency auf der Ebene des Individuums erfasst, untersucht oder erklärt werden kann, weil Menschen dieser Grundhaltung nach agency (oder eben auch keine agency) in einer bestimmten Qua- lität „haben“ bzw. „besitzen“ (Raithelhuber 2011, 183–192; Raithelhuber 2013). Agency stellt aber kein „Zauberwort“ dar, mit dem man auf der perso- nologischen Ebene nicht erklärbare Varianzen zwi- schen Individuen fassen kann, die dann als kausale Auswirkungen von individuellen Entscheidungs- momenten gesehen werden, wie dies z. B. in Teilen der Lebenslauftheorie und psychologischen Theo- rien der menschlichen Entwicklung der Fall ist. Relationale Überlegungen zu agency rücken an- stelle von Essenzen oder Entitäten die Aktivitäten, die realisiert werden (können), in den Vordergrund. Erst von dort aus werden dann Entitäten in den Blick genommen – wie z. B. Akteure oder Subjekte (Abbott 2007, 9; Dépelteau 2008; Schatzki 2010). „Agents“ lassen sich so als komplex und veränder- lich begreifen: Sie machen und reproduzieren sich gegenseitig in einem dialektischen Prozess in sich wandelnden Situationen (Inden 1990, 2). Solche Betrachtungen können für zukünftige Beschäfti- gungen mit agency im Feld der Sozialen Arbeit fruchtbar gemacht werden, auch weil hier aner- kannt wird, dass sich in solchen Prozessen der agency-Herstellung die vermeintlich klare Grenze zwischen der Person und der Umgebung situativ verschieben oder gar verflüssigen kann. Ein solcher Blick setzt sich auch von überwiegend intentiona- len Verständnissen von agency ab: „Agents“ sind keine „sustantialized agents“, sondern lassen sich auch als etwas verstehen, das aus sich überlappen- den Einheiten oder Gebilden besteht, die komplex und beweglich sind. Damit kann mit agency auch eine umgesetzte Kapazität erfasst werden, die in der Kombination von mehreren, miteinander „ver- schalteten“ Personen und Dingen erlangt werden kann. So lässt sich auch danach fragen, wie Men- schen oder andere Gebilde zu „patients“ (im Ge- gensatz zu „agents“) werden können oder zu Inst- rumenten anderer „agents“ (Gell 1998, 20). Mit Konzepten wie z. B. der verteilten Persönlichkeit („distributed personhood“) wird so begreifbar, dass „agents“ nicht nur an einem einzigen Ort verortet und zu einem einzigen Zeitpunkt präsent sind, sondern ent-örtlicht und ent-zeitlicht sein können (21). Solche alternativen Ansätze, agency zu dimensio- nieren, machen klar: „Realistische“ und „humanis- tische“ Vorstellungen von agency liefern keinen neuen Beitrag zum Verständnis des Sozialen. Wenn im Kontext von agency-Überlegungen „Entschei- dung“ („choice“) in den Mittelpunkt rücken soll – wie z. B. in herkömmlichen Betrachtungen von Übergängen im Lebenslauf –, dann nur, indem ge- fragt wird, wie diese in sozio-kulturellen Prozessen der Interaktion und in sozialen Praktiken kollektiv hergestellt werden (Barnes 1999, 143). Entspre- chend wird die Diskussion um agency auch in den Diskussionen um das sozialpädagogische Konzept der Lebensbewältigung aufgenommen. Es geht da- rum zu analysieren, wie biografische Handlungsfä- higkeit angesichts einer durch soziale Paradoxien charakterisierten sozialen Gegenwart sozial herge- stellt wird und eine erweiterte Handlungsfähigkeit erlangt werden kann (Böhnisch et al. 2009). Dabei wird u. a. an das sozialisationstheoretische Modell von Grundmann, Dravenau, Bittlingmayer und Edelstein (Grundmann et al. 2006) angeknüpft. Demnach verweist der Agency-Begriff darauf, dass sich „Handlungsfähigkeit“ z. B. als Ausdruck von Selbstwirksamkeit und im Kontext sozialer Unter- stützung in spezifischen Milieukontexten entwi- ckelt. Der Begriff „Milieu“ beinhaltet die Vorstel- lung eines emotionalen Aufeinanderbezogenseins. Die Art und Weise, wie die in ihnen vermittelte Spannung zwischen Individualität und Kollektivität ausbalanciert werden kann, entscheidet über die Art und Weise, wie sich Handlungsfähigkeit konstitu- iert sowie inwiefern sich Individuen gesellschaftlich ausgesetzt oder zugehörig fühlen, das heißt, ob Mi- lieus zu einer sozialen Abgeschlossenheit gegenüber gesellschaftlichen Prozessen oder zur gesellschaftli- chen Offenheit tendieren. In Milieubeziehungen formiert sich Normalität und soziale Ausgrenzung, entwickelt sich Handlungsfähigkeit, die als kon- form und was als abweichend gelten kann. In der sozialpädagogischen Diskussion wird zwischen offe- nen, demokratischen und regressiven, autoritären Milieubezügen unterschieden (Böhnisch 1994). Der gegenwärtige sozialpolitische Agency-Diskurs bezieht sich häufig implizit auf offene Milieus. Des-

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