Handbuch 5. Auflage
Agency 55 Agency und transnationale soziale Unterstützung Im noch jungen Feld der transnationalen sozialen Unterstützungsforschung (Chambon et al. 2012) wird der Fokus auf den Beitrag von Akteuren in Lebensverhältnissen, sozialen Netzwerken und Or- ganisationszusammenhängen gelenkt, die national- staatliche Grenzen überschreiten (Köngeter / Smith 2013). In dieser Perspektive geraten u. a. transnati- onale Praktiken von MigrantInnen in den Blick, mit denen diese ihre agency in jenen Situationen aufrechterhalten, verlieren oder gar erst erlangen, in denen ihre Handlungskapazität stark durch nati- onalstaatliche Konstrukte bedingt ist und in denen Grenzen auf einer Reihe von Ebenen relevant ge- macht werden. Diese Überlegungen nehmen dabei zum einen jüngere Diskussionen zu Social Deve- lopment im internationalen Kontext auf (Hom- feldt / Reutlinger 2009) und knüpfen zum anderen kritisch an sozial- und bildungspolitischen Überle- gungen zu Übergängen und Ermöglichungsspiel- räumen an (z. B. Schröer 2004). Thematisiert wird hier agency vor allem als „social agency“ (Homfeldt et al. 2006). Individualistisch verkürzten Vorstellungen und personologischen Erklärungsansätzen von „individual agency“ soll eine komplexe Vorstellung von Gestaltungspoten- zialen und Handlungsbefähigungen der Akteure entgegengestellt werden, ebenso wie von sozialen Prozessen zur Stärkung der Handlungsmächtigkeit. Homfeldt, Schröer und Schweppe (Homfeldt et al. 2006; Holland et al. 2001) beziehen sich auf ein Verständnis von agency als (Inden 1990, 23) „the realized capacity of people to act upon their world and not only to know about or give personal or intersub- jective significance to it. That capacity is the power of people to act purposively and reflectively, in more or less complex interrelationships with one another, to reiterate and remake the world in which they live, in circumstances where they may consider different courses of action pos- sible and desirable“. Dieses im Kern relational und anti-essentialistisch angelegte Verständnis von agency baut auf einer kritischen, wissenspolitisch motivierten Auseinan- dersetzung mit westlichen kolonial-imperialen Do- minanzstrukturen und der Funktion von Herr- schaftswissen auf. In Weiterführung dieser Perspektiven wurde in jüngster Zeit der Fokus auf die Produktion, Zirku- lation, Transformation und Anlagerung von trans- nationalem Wissen erweitert (Bender et al. 2012; Köngeter 2012). Bender und Huber (o. J.) z. B. nut- zen die methodologisch-relationale Perspektive der Actor-Network-Theory (Latour 2005), um die Ver- änderung und Hervorbringung praktischen Wis- sens in grenzüberschreitenden Migrationsprozessen nachzugehen. Dabei werden auch Artefakte als Be- standteil des Sozialen gefasst. In Absetzung von klassischen Handlungstheorien werden hier Ob- jekte nicht mehr nur als Instrumente für den Men- schen angesehen. Vielmehr lassen sich Artefakte und Menschen symmetrisch in ihrer Rolle als Ver- mittlerInnen von Handlungen beschreiben. An- hand von Transkripten aus Interviews mit Flücht- lingen gehen Bender und Huber dem latourschen Imperativ „Follow the Actor!“ nach und untersu- chen die Verbindungen, die sich im Bewältigungs- handeln nachzeichnen lassen. Damit wird rekonst- ruierbar, wie das soziale Phänomen agency von den Interviewpartnern in den dynamischen Mensch- Mensch- und Mensch-Ding-Interaktionen herge- stellt wird und wie diese Interaktionen dabei hand- lungspraktisches Wissen „transnationalisieren“. Social agency: „Handlungs fähigkeit“ in der Sozialen Arbeit Was können die agency-Thematisierungen für die Zukunft von Theorie, Forschung und Praxis in der Sozialen Arbeit leisten? Zum einen können relatio- nal-relativistische Zugänge von „social agency“ bzw. „collective agency“ dafür sensibilisieren, Fragen der Handlungsfähigkeit, Handlungsbefähigung oder Handlungsmächtigkeit nicht in den dichotomen Konstruktionen von Individuum und Gesellschaft, Subjekt und Objekt etc. zu fassen. Zum anderen lässt sich agency in einer solchen „social agency"- Betrachtung nicht (mehr) unhinterfragt primär dem Individuum zuschlagen. Zum Ausgangspunkt von Analysen werden vielmehr die sozio-kulturellen Prozesse von agency, also die durchaus machtvollen Relationen und Bewegungen des Sozialen – inklu- sive seiner Instanziierungen, Verfestigungen, Ver- räumlichungen, Trans-Lokalisierungen und Verste- tigungen. Von dort aus wird gefragt, wie agency überhaupt möglich ist. Damit werden substanzialis-
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