Handbuch 5. Auflage

560 Bitzan  zen, verstanden. Heute hingegen wird Aktivierung als Mobilisierung subjektiver Ressourcen und Ver- antwortung verstanden, die nicht nach den (unter- schiedlichen) Bedingungen der Subjekte für Selbst- erkenntnis fragt, sondern ausgeht von angeblich erreichter Gleichberechtigung (Chancengleich- heit!) – auch im Geschlechterverhältnis. Beispielhaft sei hier auf die wieder erstarkte Familialisierung der sozialen Arbeit hingewiesen, die neuerdings offensiv in Familien hineinwirken will („Familie“ wird unter Generalverdacht gestellt und gleichzeitig überfor- dert). Rohleder (2006, 292) weist darauf hin, dass sich Soziale Arbeit mit Familien immer auch als So- ziale Arbeit an und mit Geschlechterkonstrukten verstehen muss: „Dementsprechend wäre zu vermuten, dass Gender- aspekte in der Familienarbeit thematisch allgegenwärtig sein müssten, aber in vielen Publikationen zum Thema ge- lingt es den Autorinnen und Autoren, geschlechtsneutral von Eltern und Kindern als Hauptakteuren von Familie zu sprechen und Konflikte und Herausforderungen in und für Familien außerhalb der bestehenden Geschlechterordnun- gen zu problematisieren“. Es findet also eine markante Verdeckung geschlech- terbezogener Konfliktkonstellationen statt, weil Fa- milie als imaginäre Einheit gedacht wird. Familiali- sierung heißt in den meisten Fällen: weitere Belastungen der Mütter (oder besser der für die Er- ziehung „freigesetzten“ Subjekte) bei gleichzeitiger Nichtanerkennung dieser Tätigkeit. Wenn aber die Erfahrungen und das Erleben der einzelnen Famili- enmitglieder nicht auch personenbezogen (d.h. nicht subsumiert in der Einheit Familie) zur Debatte stehen, dann läuft die Rede von Familie, Familien- arbeit, Familienberatung, Familienhilfe etc. Gefahr, die immanente Konfliktstruktur eines Zusammen- hangs, der Geschlechter in spezifischer Weise erst produziert und hieraus spezifische Konfliktpoten- ziale erzeugt, zu verdecken. Genderpolitik als kritische Soziale Arbeit Genderpolitik in der Sozialen Arbeit thematisiert mit „Geschlecht“ nicht nur die Bedürfnisse be- stimmter Personen, sondern Wirkmechanismen einer gesellschaftlichen Ordnung, die in unter- schiedlichen Bereichen unterschiedliche Gruppie- rungen benachteiligen kann und die über zugelas- sene Inhalte gesellschaftlicher Verteilungskämpfe entscheidet. Ein aktuell immer wieder dagegen- gesetzter angeblicher „Bedeutungsverlust von Gen- der“ bleibt ideologischer Nebel, wenn nicht zwi- schen epistemologischer und sozialdiagnostischer Bedeutung unterschieden wird: In wissenschaftli- chen Konzepten wird „Gender“ zunehmend einge- bettet in andere soziale Ungleichheiten und damit dezentriert, also Bedeutungsverlust. Das mindert aber keineswegs seine praktische Bedeutung als Struktur von Anerkennungs- und Austauschver- hältnissen, für die Verteilung bestimmter Formen von Gewalt, für die Organisation von Sexualität und Generativität oder für die kulturelle Relevanz von Geschlechterbildern. In der Fachpraxis werden „Genderkompetenz“ und „Geschlechterdifferenzierung“ zunehmend an- erkannt als wichtige fachliche Standards. Auf der Ebene der Zielgruppenanalyse und der Handlungs- konzepte hat sich somit als genderpolitischer Erfolg eine Erweiterung des professionellen Selbstver- ständnisses durchsetzen können. Damit einher aller­ dings geht der Verlust der systematischen Reflexion der geschlechterbezogenen Strukturbedingungen in konkreten Arbeitskontexten, in der Organisa- tion der Jugendhilfe und gesellschaftlicher Un- gleichheit. „Genderkompetenz“ schnurrt dann zu- sammen auf eine methodische Kompetenz. „Genderpolitik“ in emanzipatorischem Sinn muss sich verstärkt einordnen in Debatten um politisch ambitionierte Konzepte kritischer Sozialer Arbeit, die zeigen, dass Soziale Arbeit nur dann transforma- tiv wirken kann, wenn sie sich ein eigenständiges Mandat gibt, das bezogen ist auf gesellschaftliche Ungleichheit und dem Bestreben nach mehr Ge- rechtigkeit. Solche konfliktorientierten Ansätze werden derzeit weiterentwickelt als diversitäts- bewusste Soziale Arbeit (Intersektionalität und Dif- ferenz) und zielen auf eine „Pädagogik des Sozialen“, die die Realität der Subjekte und ihre individuellen Entwicklungschancen in den Mittelpunkt stellt auf der Basis der Analyse gesamtgesellschaftlicher Ord- nungs- und Funktionsvorgaben und mit dem An- spruch auf politische Einmischung. Aktuelle bun- desweite Verständigungen fordern wieder verstärkt, den fachlich- methodischen Genderkonzepten eine Politisierung der Wirkmechanismen von „Ge- schlecht“ an die Seite zu stellen.

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