Handbuch 5. Auflage

Genderpolitik  559 vorzufinden ist; ein Anspruch aber auch mit uto- pischem Gehalt, da Soziale Arbeit sozialpolitisch im Spannungsfeld zwischen sozialstaatlicher Regelungs- instanz und kritischer Innovation immer auch der herrschenden Politik, die wenig Interesse an einer fundierten Änderung hat, verbunden bleiben wird. Ansatzpunkte finden sich am ehesten in Konzepten, die einen politischen Rahmen einbeziehen und Konfliktorientierung systematisch mit bedenken. Neben den professionstheoretischen Entwürfen, die Soziale Arbeit als Frauenberuf reflektieren, sind hier Ansätze zu benennen, die schon früh aus dem Zu- sammenhang der Gemeinwesenarbeit als spezi- fischem Prototyp ganzheitlicher und politisch an- sprüchlicher Sozialarbeit hervorgegangen sind (Wurzeln bei Jane Addams), wie auch die jüngeren adressatInnenbezogenen Arbeitsansätze, die sich Er- kenntnisse zu geschlechtsbezogenen Lebenszusam- menhängen und Bewältigungsweisen zunutze ma- chen. Sie sehen den entscheidenden Schnittpunkt im Alltags- bzw. Lebensweltkonzept (Thiersch et al. 2002). Der Blick auf die konkreten Alltagsvollzüge mit den je individuellen Deutungsmustern und Er- fahrungsverarbeitungen macht es möglich und notwendig, Leistungen des Überlebens in ihrem subjektiven Sinnzusammenhang und in der Struk- turiertheit durch und Bewältigung von „Geschlecht“ zu erkennen. Eine solche Perspektive auf geschlechts- bezogene „Identitäten“ und geschlechtsspezifische Belastungen ist bisher für das Gesamtkonzept der Lebensweltorientierung noch kaum systematisch ausbuchstabiert worden. Theoretische Verbindungs- stücke finden sich beispielsweise in der „Konflikt- orientierung“ und der Bewältigungstheorie ( →  Bit- zan/Bolay, Adressatin und Adressat). Allerdings müssen zentrale Prinzipien aus der fe- ministischen bzw. generell der kritischen Sozialen Arbeit wie „Partizipation“, „Parteilichkeit“, „Eman- zipation“ und „Autonomie“ neu ausgestaltet und kontextuiert werden. „Parteilichkeit“ zielt nun we- niger auf das Aufdecken weiblicher Benachtei- ligung, sondern mehr auf das Zulassen eigener Widersprüche und das Aufdecken von gesellschaft- lichen Hintergründen bei Bewältigungsproblemen (Hagemann-White et al. 1997), „Partizipation“ kann sich nicht mehr mit der einfachen Beteiligung ausgegrenzter Gruppen zufriedengeben, sondern verlangt ein Nachdenken über die Bedingungen von Artikulationsfähigkeit und -möglichkeit, und „Emanzipation“ und „Autonomie“ können poli- tisch nicht mehr als einfache Herauslösung aus Ab- hängigkeiten verstanden werden (was historisch ei- nen zentralen Stellenwert hatte!), sondern sie stehen für die Suche nach einer neuen Balance zwischen gegenseitigem Angewiesensein, Selbstbestimmung, solidarischem Fürsorgen und den Zumutungen des modernen Sozialstaates (Bitzan et al. 2006). Neoliberale Politik Soziale Arbeit hat (ähnlich wie Justiz, Bildungs- wesen, Sozialpolitik etc.) die Funktion, gesellschaft- liche Ordnung zu gewährleisten. Die Form dieser Regulierungen besteht in der Sozialen Arbeit – kurz gesagt – darin, soziale Problemlagen als „psycho- soziale Probleme“ individueller Akteure zu bearbei- ten. Das gilt auch für die Vorgaben und Regelungen der Geschlechterordnung. Soziale Arbeit ist insofern immer auch ein Akteur im Geschlechterverhältnis. Das Konzept der jüngeren neoliberalen Politik ver- lässt die Idee einer gemeinschaftlichen Verantwor- tung des Gemeinwesens für alle MitbürgerInnen und spricht demzufolge nicht mehr von „Lebens- lagen“ und „Strukturbedarfen“ (für emanzipatori- sche Geschlechterpolitik zentrale Parameter), son- dern von „individueller Anstrengung“ und „individuellen Chancen“. Damit hat sich eine Ten- denz zur Reprivatisierung gesellschaftlicher Kon- flikte durchgesetzt: Schwierige Situationen werden als subjektive Einzelerlebnisse interpretiert und ihre Folgen müssen individuell abgefangen werden; pro- fessionelle Konzepte zielen eher auf personenbezo- gene Verhaltensänderung statt auf Verhältnisver- änderung; öffentliche Aufgaben der Daseinsvorsorge werden auf privatwirtschaftliche Träger und private Haushalte rückübertragen und somit der gesell- schaftlichen (politischen) Aushandlung entzogen. Gerade im sozialen Bereich werden wieder verstärkt Zumutungen der Fürsorge und Erziehung verdeckt privatisiert. Der diesbezügliche Arbeitsauftrag an die Soziale Ar- beit heißt Aktivierung. Das äußert sich in der Pro- pagierung von Selbstzuständigkeit /Eigenverant- wortlichkeit(imUnterschiedzurSelbstbestimmung). Unter emanzipatorischen Gesichtspunkten wurde „Aktivierung“ als Schaffung und Beförderung von Bedingungen, eigene Bedürfnisse unter den ver- deckenden sozialpolitischen und normativen Ver- hältnissen herauszufinden und sich dafür einzuset-

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