Handbuch 5. Auflage

563 Generationen Von Ludwig Liegle Zu den verbreiteten sozialwissenschaftlichen Zeit- diagnosen gehört die These der Relativierung der Lebensalter bzw. der lebensalterbezogenen Zugehö- rigkeitsordnungen. Diese Diagnose impliziert die Aufforderung, den traditionell hohen Stellenwert der Generationenfrage in der Theorie der Erziehung infrage zu stellen und nach zeitgemäßen analytischen Deutungsmustern Ausschau zu halten, welche der „Generationenfalle“ (Böhnisch/Blanc 1989) ent- gehen. Im Gegensatz zu dieser – durch Argumente und Daten gut belegbaren – Sichtweise will ich im Folgenden zeigen: Das Konzept der Generation kann nach wie vor (vielleicht sogar mehr denn je) den Anspruch erheben, den Kern der Erziehungs- theorie sowie der Bildungstheorie zu treffen. Dafür sprechen die im Folgenden näher zu erläuternden Argumente: Mit dem Konzept der Generation kann man nicht ■ ■ nur dieWeitergabe des genetischen Erbes, sondern auch die Weitergabe des kulturellen Erbes in der Abfolge der Generationen und damit die zentrale Aufgabe von Erziehung beschreiben. Denn: „Was ist Pädagogik noch, wenn man sie um die Aufgabe der kritischen kulturellen Überlieferung verkürzt?“ (Mollenhauer 1983, 175) Kulturelle Überlieferung in der Generationenfolge ■ ■ kann nur gelingen, wenn zwei Prozesse bzw. Leis- tungen zusammenwirken: Vermittlung und Aneig- nung. Vermittlung ist der Gegenstand von Theorien der Erziehung und Aneignung der Gegenstand von Theorien der Bildung. Die Tatsache, dass Wissen, Werte etc. nicht einfach vermittelt werden können, sondern angeeignet werden müssen, bietet die Chance der Re-Produktion, d.h. Neuschaffung des kulturellen Erbes. Das Zusammenspiel von Vermitt- lungstätigkeit und Aneignungstätigkeit hat seinen primären sozialen Ort im Verhältnis zwischen der erwachsenen und der heranwachsenden Genera- tion (Ecarius 2008; Liegle / Lüscher 2004, 2008). Erziehungstheorie und Bildungstheorie zueinander in Beziehung zu setzen, impliziert daher, dass die soziale Ordnung der Generationenbeziehungen re- flektiert wird. In komplexen Gesellschaften setzt die Re-Produk- ■ ■ tion der Kultur voraus, dass Vermittlung (Unter- richt, Erziehung) und Aneignung (Lernen, Bildung) zu eigenständigen Aufgaben werden, die in sozia- len Orten jenseits der Lebenswelt angesiedelt sind. Erziehung wird zum Beruf und Lernen wird zu einer lebensgeschichtlichen Arbeitsleistung. Dement- sprechend werden Kindheit und Jugend weltweit in zunehmendem Maße gesellschaftlich als Erzie- hungs- bzw. Lernkindheit institutionalisiert. Das Konzept der Generation Das Konzept der Generation hat in den Sozialwis- senschaften im Allgemeinen sowie in der Erzie- hungswissenschaft im Besonderen in zwei Perspekti- ven Bedeutung erlangt: Es dient erstens dazu, „kollektive oder individuelle Akteure hinsichtlich ihrer sozial-zeitlichen Positionierung in einer Gesell- schaft, einem Staat, einer sozialen Organisation oder einer Familie zu charakterisieren und ihnen eine spezifische Identität (‚Generationenidentität‘) zu- zuschreiben“. Und es bezeichnet zweitens – in der Perspektive von Beziehungen – „wechselseitige, rückbezügliche Prozesse der Orientierung, der Be- einflussung, des Austauschs und des Lernens zwi- schen den Angehörigen von zwei und mehr Genera- tionen (intergenerationelle Beziehungen) sowie innerhalb ein und derselben Generation“ (Lü- scher/Liegle 2003, 59f.). In der Perspektive von „Generationenidentität“ ist das Konzept der Generation von Wilhelm Dilthey Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art053, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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