Handbuch 5. Auflage
568 Liegle rationen, in dem die wechselseitige Anerkennung der beteiligten Personen und ihrer unterschiedli- chen Lebensperspektiven ausgehandelt wird (Brumlik 1995). Für die nachwachsende Genera- tion, die den im Generationenverhältnis veranker- ten Erziehungsprozess immer auch als Ausdruck eines Machtverhältnisses erlebt, stellt sich Identi- tätsbildung als ein „Kampf um Anerkennung“ dar (Müller 1996). Zusammenfassung Die – insbesondere am Fortschritt von Wissen- schaft und Technik ablesbare – kulturelle Evolution ist nicht denkbar ohne die Institutionalisierung kulturellen Lernens im Erziehungssystem der Ge- sellschaft. Die Entwicklung des Erziehungssystems führt zur Verlängerung der Kindheitsperiode und zur Definition der Kindheit als Erziehungs- bzw. Bildungskindheit; sie lässt kulturelles Lernen zu einem wesentlichen Faktor in den Lebensläufen aller Mitglieder der nachwachsenden Generation werden. Die allgemeinen Grundlagen der Kultur- und Handlungsfähigkeit erwerben Kinder in der Regel nach wie vor durch die Erfahrung von Bin- dung und Anregung in „proximalen“ Generatio- nenbeziehungen in der Lebenswelt der Familie. Darüber hinaus ist es für „moderne“ Gesellschaften kennzeichnend, dass „die Kenntnisse, sollen sie nicht mit der sie besitzenden Generation ausster- ben, in einem besonderen Prozess, dem Unterricht, übermittelt, durch eine spezifische Arbeitsleistung, das Lernen, erworben werden [müssen]“ (Bernfeld 1925 / 1967, 78). Diese gesellschaftliche Institu- tionalisierung der Vermittlungs- und Aneignungs- prozesse impliziert, dass Erziehung öffentlich orga- nisiert, professionalisiert und an einem universalistischen Kanon der Allgemeinbildung ausgerichtet wird, und dass die Kinder für Lern- prozesse freigesetzt werden, die nicht vom unmit- telbaren Druck materieller Reproduktion und so- zialer Anpassung begrenzt werden (Verlängerung der Kindheit). Auf diese Weise werden Gelegen- heitsstrukturen geschaffen und die Chance dafür eröffnet, dass die nachwachsende Generation das in der Generationenfolge angesammelte kulturelle Erbe in kritischer und konstruktiver Perspektive erwerben und als Bezugsrahmen der Identitätsbil- dung ausdeuten und auswählen kann. Diese Überlegungen sprechen für die Fruchtbar- keit des Generationenkonzepts für die erziehungs- wissenschaftliche Theorie und Forschung: Einen Zusammenhang von Erziehungstheorie und Bil- dungstheorie herzustellen, impliziert die Reflexion und Untersuchung der sozialen Logik und Dyna- mik von Generationenbeziehungen einschließlich der in diesen angelegten Machtverhältnissen. Literatur Bernfeld, S. (1925/1967): Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. Suhrkamp, Frankfurt/M. Böhnisch, L., Blanc, K. (1989): Die Generationenfalle. Von der Relativierung der Lebensalter. Luchterhand, Frank- furt/M. –, Schröer, W., Thiersch, H. (2005): Sozialpädagogisches Denken. Wege zur Neubestimmung. Juventa, Wein- heim/München Bronfenbrenner, U. (1981): Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Klett-Cotta, Stuttgart Brumlik, M. (1995): Gerechtigkeit zwischen den Generatio- nen. Berlin Verlag, Berlin – (1992): Advokatorische Ethik. Zur Legitimation pädago- gischer Eingriffe. KT-Verlag Karin Böllert, Bielefeld Buber, M. (1953): Rede über das Erzieherische. In: Buber, M.: Reden über Erziehung. Lambert Schneider, Heidel- berg, 11–49 Deutsche Shell (Hrsg.) (2000): Jugend 2000. 2 Bde. Leske+ Budrich, Opladen Dilthey, W. (1890/1971): Deskription des Erziehers in sei- nem Verhältnis zum Zögling. In: Dilthey, W.: Schriften zur Pädagogik. hrsg. von U. Herrmann. Schöningh, Pader- born, 43–57 – (1875/1957): Über das Studium der Geschichte der Wis- senschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat. In: Dilthey, W.: Gesammelte Schriften, Bd. V. Teub- ner/Vandenhoeck&Ruprecht, Stuttgart/Göttingen, 31– 73 Ecarius, J. (2008): Generation, Erziehung und Bildung. Eine Einführung. Kohlhammer, Stuttgart – (2002): Familienerziehung im historischen Wandel. Leske+Budrich, Opladen Faulstich-Wieland, H. (2001): Von der Fremd- zur Selbstso- zialisation? Oder: Steigt der Einfluss Jugendlicher auf El- tern? In: Kramer, R.-T., Helsper, W., Busse, S. (Hrsg.): Pädagogische Generationenbeziehungen. Leske+Budrich, Opladen, 275–292
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