Handbuch 5. Auflage
581 Geschichte der Sozialen Arbeit Von Richard Münchmeier Historische Forschung zur Geschichte der Sozialen Arbeit ist in den letzten Jahrzehnten immer bedeut- samer geworden. Während noch am Ende der 1970er Jahre der quantitativ und methodisch defi- zitäre und vor allem theoretisch unterbelichtete Zustand der geschichtswissenschaftlichen Beschäf- tigung mit Sozialpädagogik beklagt wurde (Mar- zahn 1978), ist heute die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein zentraler und theore- tisch wie methodisch elaborierter Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit geworden. Der Doku- mentationsteil der Sozialwissenschaftlichen Litera- tur Rundschau wies für die vergangenen Jahre eine große und wachsende Zahl historischer Arbeiten nach, darunter viele Monografien und Dissertatio- nen (http://wiposa-web.uni-muenster.de/literatur- datenbank.html). Niemeyer et al. (1997) sprechen bereits von „Historischer Sozialpädagogik“ als gleichsam neuer Unterdisziplin. „Arbeitskreise“ be- schäftigen sich mehr oder weniger regelmäßig mit verschiedenen Problemen der sozialpädagogischen Geschichte. Dokumente und Quellen sind in Nachdrucken oder vorzüglichen quellenkritischen Editionen (z. B. Feustel 1997 / 2000 / 2004) zu- gänglich gemacht worden. Die Zunft besinnt sich auf ihre „Klassiker“ (Niemeyer 1998; Thole et al. 1998). Ungelöste Fragen Versucht man, den Forschungsstand zu bilanzieren, stechen dennoch einige Grundprobleme und me- thodologische Fragen ins Auge, deren Klärung bis- lang noch offen erscheint und die kontrovers dis- kutiert werden. Gegenstandsbestimmung Das gewichtigste Problem dürfte sicherlich die theo- retische Bestimmung und Eingrenzung des „Gegen- stands“ sein, die Klärung der Frage, welche Prozesse, Wirkzusammenhänge und Diskurse die „Geschichte der Sozialen Arbeit“ ausmachen. Eine reine Begriffs- geschichte reicht hierfür keineswegs aus. Wie Kon- rad (1998) gezeigt hat, lassen sich zwar bestimmte Traditionslinien der Verwendung des Terminus „So- zialpädagogik“ nachzeichnen. Insgesamt aber prä- sentiert sich die inhaltliche Füllung des Begriffs sehr heterogen. Ein solcher uneindeutiger Gebrauch gilt in gleicher Weise für den Neologismus „Soziale Ar- beit“. Die Uneinhelligkeit des Sprachgebrauchs ver- weist ihrerseits auf eine sachliche Problematik, die sich nur historisch verstehen lässt. Zum einen muss man zur Kenntnis nehmen, dass es im historischen Verlauf eine Fülle unterschiedlicher Begriffe und Umschreibungen gibt, mit denen das Feld der sozia- len Praxis bezeichnet wird: Früher sprach man von Fürsorge oder Wohlfahrtspflege, heute gebraucht man unterschiedliche Begriffe wie Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialarbeit/Sozial pädagogik, Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, so- ziale Dienste, soziale Praxis, soziale Hilfsarbeit, so zialpflegerischer Bereich, psycho-soziale Hilfen, (Sozial-)Fürsorge, Sozialwesen und andere mehr. Alle diese Benennungen beziehen sich auf das Feld sozialer Arbeit; sie sind aber nicht völlig kongruent, sondern betonen verschiedene Aspekte oder Berei- che. Dies macht darauf aufmerksam, dass das Feld der Sozialarbeit kein einheitlich oder systematisch strukturierter Bereich ist, sondern aus verschiedenen Ursprüngen und geschichtlichen Traditionen zu- sammengewachsen ist. Schon deshalb lässt sich das Praxisfeld nicht eindeutig und trennscharf von ande- ren Bereichen abgrenzen. Unscharfe Grenzziehun- gen bestehen insbesondere imÜbergang zum Sozial- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art055, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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