Handbuch 5. Auflage
582 Münchmeier hilfesystem, zum psychotherapeutischen Bereich, zum Strafvollzugs- und Justizwesen, zur Kinder- und Jugendpsychiatrie, zur Arbeitsverwaltung, zur Schule und dem Bildungswesen, zur Selbsthilfe- und Ini- tiativgruppenbewegung. Der pragmatische Versuch, nur diejenigen Bereiche und Aktivitäten zur Sozialarbeit zu rechnen, die durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) eine ausdrückliche gesetzliche Grundlage er- halten haben (also von der Position auszugehen, Sozialarbeit sei deckungsgleich mit „Kinder-, Ju- gend- und Familienhilfe“), würde zwar die meisten sozialarbeiterischen Handlungsfelder einbeziehen, andere wichtige jedoch ausschließen (wie z. B. die betriebliche Sozialarbeit, Gemeinwesenarbeit, Bil- dungsarbeit, Sozialarbeit im Gesundheitswesen, den Bereich der Seniorenarbeit und der Sozialen Gerontologie und andere). Aber auch abgesehen von den unscharfen Grenzen reicht es nicht aus, vom Praxisfeld wie es sich heute darbietet auszugehen und einfach dessen Entwick- lung zu beschreiben. So häufig auch dieser Weg begangen wird, führt er doch lediglich zu einer „Aspektegeschichte“, also z. B. zu einer Geschichte der Methoden, Ausbildung, einzelner Arbeitsfelder usw. Was aber diese Aspekte zur Bedeutung der „Sache“ von Sozialpädagogik beitragen, wie sie im Licht einer Theorie von Sozialer Arbeit zu verste- hen sind und in welchem Gesamtzusammenhang (z. B. von Gesellschaft, sozialen Problemen, Le- benslagen oder individueller Lebensführung) sie zu betrachten sind, bleibt solchen Darstellungen gleichsam vorgelagert. Theoretische Probleme An diesem Punkt verwandelt sich die Frage nach dem Gegenstand einer Geschichte der Sozialpäd agogik / Sozialarbeit in die Frage nach einer „Theo- rie der Sozialen Arbeit“. Ohne theoretische Klä- rung, worin denn die Eigentümlichkeit Sozialer Arbeit bestehe, wie ihr Auftrag, ihre Funktion für Gesellschaft und Klienten zu verstehen und zu re- konstruieren seien, lassen sich weder der themati- sche Kern noch die historischen Prozesse ihrer Ent- wicklung bestimmen. In der historischen Forschung werden in diesem Zusammenhang vor allem zwei theoretische Posi- tionen vertreten (Böhnisch et al. 1997, 10 f.). Die eine versteht Sozialpädagogik in der Traditionslinie von Paul Natorp. Für Natorp ist jede Erziehung Gemeinschaftserziehung und Sozialpädagogik ein „allgemeines Prinzip“ jeder Bildung und Erzie- hung. Folgt man dieser Sichtweise, so müsste die Geschichte der Sozialpädagogik als Geschichte der Gemeinschaftserziehung (in Kindergärten, Volks- bildungseinrichtungen, Schule und Jugendgemein- schaften) in Abgrenzung zur Individualerziehung erzählt werden, erforderte also einen sehr breiten Ansatz quer durch alle Erziehungs- und Bildungs- orte hindurch. Eine zweite theoretische Position ist mit den Na- men Alice Salomon, Gertrud Bäumer, Herman Nohl und anderen verbunden. Sie hat ihre Wurzel in den Traditionen der Armenpflege und deren „socialer Ausgestaltung“. Nach ihrer Auffassung ist Sozialpädagogik als „Nothilfe“ entstanden, also als erzieherische Reaktion auf die sozialen Probleme der modernen Gesellschaft (wie Armut, Verwahr- losung oder Devianz) und muss die Lücken füllen, die durch die Funktionseinbußen der Familien entstanden sind. „Von der Anschauung aus, dass in der Ausfüllung dieser Lücken eine besondere Mehr- leistung der Gesellschaft zu sehen sei, taucht hier das Wort ‚sozial‘ auf“ (Bäumer 1929, 3). Es liegt auf der Hand, dass in diesem Verständnis die Ent- wicklung der Sozialpädagogik primär als Ge- schichte der Entwicklung sozialer Hilfen, ein- schließlich erzieherischer Hilfen rekonstruiert werden muss. Statt um allgemeine Pädagogik muss es um einen bestimmten „Ausschnitt“, eine „Be- reichsgeschichte“ gehen. Die Traditionslinie Salo- mon-Bäumer-Nohl hat sich inzwischen mehrheit- lich in der historischen Forschung zur Geschichte der Sozialpädagogik durchgesetzt, wenn auch nicht unumstritten (Böhnisch et al. 1997). Ereignis- bzw. Strukturgeschichte versus Diskursgeschichte In der Theorie der Geschichtsschreibung unterschei- det man gewöhnlich zwei Ebenen der historischen Darstellung. Die eine Ebene meint die Abfolge der realen historischen Vorgänge, die sich als Kette von Ereignissen in den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern verfolgen lassen. Im Kontext eines moder- nen Verständnisses von „Strukturgeschichte“ (Weh- ler 1980/2001) sollte es dabei nicht um das Han-
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