Handbuch 5. Auflage
59 Allgemeine Pädagogik / Sozialpädagogik Von Heinz-Hermann Krüger Eine Ausdifferenzierung des Faches Erziehungs- wissenschaft in eine Vielzahl separater und eigen- ständiger Subdisziplinen wie die Allgemeine Päd- agogik oder die Sozialpädagogik findet an den Universitäten erst seit den 1970er Jahren statt. Deshalb soll in diesem Beitrag zunächst die Vor- geschichte dieser Entwicklung, die Geschichte des pädagogischen Denkens sowie des Faches Erzie- hungswissenschaft im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse in groben Umrissen skiz- ziert werden. Anschließend wird die aktuelle Struk- tur der Disziplin Erziehungswissenschaft beschrie- ben, und in einem abschließenden Ausblick werden Wechselbezüge und Kooperationsmöglichkeiten zwischen der Allgemeinen Pädagogik und der Sozi- alpädagogik diskutiert. Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft und zur Herausbildung der Allgemeinen Pädagogik sowie der Sozialpädagogik als separate Teildisziplinen Die Geschichte der Erziehung ist so alt wie die Menschengattung selbst, da die Bearbeitung der Generationenfolge zu der Entwicklungs- und Kul- turgeschichte der Menschen von Beginn an gehört. Frühe schriftliche Zeugnisse über pädagogische Re- flexionen gibt es aber erst aus der Zeit der grie- chischen Antike. In der Philosophie, Anthropolo- gie und Pädagogik der griechischen Antike, z. B. bei Plato und Aristoteles, werden Fragestellungen einer neuzeitlichen Bildungsphilosophie bereits antizipiert, indem der Mensch als Produkt seiner eigenen Praxis, abgelöst von den Bindungen und Mythen der archaischen Zeit, gefasst und nach seiner Bestimmung gefragt wird (Mollenhauer 1984, 363). Auch wurden mit der Gründung von ersten Universitäten im Mittelalter sowie mit der punktuellen Etablierung von höheren Schulen für die städtischen Oberschichten im 16. Jahrhundert die modernen Erziehungsverhältnisse bereits anti- zipiert (Blankertz 1982). Dennoch gibt es in der bildungshistorischen For- schung einen Konsens darüber, dass mit der He- rausbildung der modernenGesellschaft im18. Jahr- hundert zugleich eine einschneidende Zäsur im pädagogischen Denken und teilweise auch in der Erziehungsrealität einhergeht (Herrmann 1981). Die Pädagogik und das Erziehungsdenken in der Zeit der Aufklärung legen die ideellen Wurzeln für die Begründung einer nachständischen, am bürger- lichen Leben orientierten Erziehung. Die in den philosophischen und pädagogischen Programm- schriften dieser Epoche, in den Arbeiten von Gott- hold Ephraim Lessing, Immanuel Kant und Jean- Jacques Rousseau formulierten Leitbegriffe der Mündigkeit, der Aufklärung, der Toleranz, der pa- radoxen Freiheitsproblematik in der Erziehung so- wie der Verpflichtung der Erziehung auf den Fort- schritt der Menschengattung waren zwar oft nur gedankliche Antizipationen und hatten ihre Wir- kungen vor allem in der literarischen und philoso- phischen Reflexion, hingegen ließ die Wirklichkeit der Erziehung bis zum ausgehenden 18. Jahrhun- dert und auch noch später wenig dieser aufkläreri- schen Ambitionen erkennen. Dennoch bleiben diese Forderungen normative Ansprüche und lei- tende Bezugspunkte vor allem für pädagogische Theorieansätze und Reformbewegungen im 20. Jahrhundert (Krüger 1990, 7). Im Prozess der Ausdifferenzierung der Wissenschaf- ten entsteht im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Pädagogik als Disziplin. In den theoretischen Konzepten von J.-J. Rousseau oder E.C. Trapp hatte sich das pädagogische Denken nicht nur aus der Einbindung in theologische Ordnungsvorstellungen Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art004, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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