Handbuch 5. Auflage
60 Krüger befreit, wie es noch für die pädagogischen Entwürfe von Johann Amos Comenius oder August Hermann Francke im 16. und 17. Jahrhundert charakteristisch war, und die Bezugspunkte für die Klärung der Frage, was der erzogene Mensch ist, in der Anthro- pologie oder der Psychologie gesucht (Schmid 2006, 18). Auch die erste, an der Universität Halle einge- richtete Professur für Pädagogik wurde mit dem Philanthropen E.C. Trapp besetzt, der versuchte, eine empirisch begründete, sich auf Observation und Experiment stützende Disziplin zu verwirk- lichen. Allerdings blieb eine universitäre Pädagogik nur eine kurze Episode, da E.C. Trapp nach Kon- flikten mit der Theologischen Fakultät die Univer- sität Halle bereits nach vier Jahren (1783) enttäuscht wieder verließ. E.C. Trapps Nachfolger, Friedrich August Wolf, gestaltete die Altertumswissenschaft zum Mittelpunkt der Bildung angehender Gymna- siallehrer. Er entwickelte damit zugleich erste Kon- turen für eine neuhumanistische Bildung für Philo- logen, die die Ausbildung von Gymnasiallehrern an den Universitäten im 19. Jahrhundert bestimmte. Während im 19. Jahrhundert die Vorgeschichte des modernen Erziehungs- und Bildungswesen be- ginnt, notwendige Modernisierungsprozesse sich in der sukzessiven Durchsetzung der Schulpflicht sowie insbesondere in Neuordnungen der höheren Bildung niederschlugen und die ersten noch zag- haften Versuche einer Verarbeitung von Moderni- sierungsfolgen sich in der Gründung von sozialpäd agogischen Betreuungseinrichtungen oder von Ansätzen einer selbst organisierten Erwachsenen- bildung manifestierten, führt diese Entwicklung nicht zur Etablierung einer universitären Erzie- hungswissenschaft. Systematische Fragen der Konstruktion päd agogischenWissens werden zu Beginn des 19. Jahr- hunderts bereits dort diskutiert, wo sie auch in der historischen Konstitutionsphase der Erziehungs- wissenschaft, nämlich zu Beginn des 20. Jahrhun- derts immer noch anzutreffen sind: Innerhalb der praktischen Philosophie wie bei Johann Friedrich Herbart, der sich vor allem um die Begründung einer Unterrichtstheorie auf psychologischer Grundlage bemüht hat; im Kontext der Theologie wie bei Friedrich Schleiermacher, der Pädagogik als eine sich an Ethik anschließende Kunstlehre be- greift; als Bestandteil des professionellen Wissens der Lehrer und gelehrten Schulmänner, wie bei- spielsweise bei Adolf Diesterweg; und schließlich als Element eines relativ breiten öffentlichen Dis- kurses über Nationalbildung oder Volksbildung, wie bei W. von Humboldt bzw. J.H. Pestalozzi (Tenorth 1994, 17). Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren zudem die wenigen Lehr- stühle für Pädagogik, die bis dahin an Universitä- ten existierten, mit dem Fach Philosophie verbun- den. Einen bedeutenden Anstoß erhielt die Entwick- lung der Pädagogik als Wissenschaft durch die Be- gründung einer akademischen Lehrerbildung der VolksschullehrerInnen in der Zeit der Weimarer Republik, die in einigen Ländern und Stadtstaaten an den Universitäten angesiedelt wurde und in Preußen in neu gegründeten Pädagogischen Aka- demien ihren institutionellen Ort fand. Neben den Lehrstühlen für „Allgemeine Pädagogik“ wurden in diesem Kontext Professuren für „Praktische Pädagogik“ eingerichtet, die sich mit den spezi- fischen Fragen von Schultheorie und Allgemeiner Didaktik befassten. Auch konnte sich in der Wei- marer Republik die Berufs- und Wirtschaftspäd agogik an Handelshochschulen durchsetzen, die sich auf die didaktisch-methodische Schulung von BerufsschullehrerInnen konzentrierte (Harney 2006, 240). Zu einem weiteren Ausdifferenzie- rungsprozess des Faches Erziehungswissenschaft, etwa zur Etablierung eigenständiger Professuren für Sozialpädagogik, kam es in den 1920er Jahren jedoch noch nicht, obwohl sich gerade in der Zeit der Weimarer Republik ein von Kommunen und freien Trägern organisiertes, umfassendes System der Jugendpflege und Jugendfürsorge sowie ein kommunales Netz von Volkshochschulen etab- lierte. Lehrveranstaltungen mit für die Sozialpäd agogik oder die Erwachsenenbildung relevanten Bezügen wurden zur damaligen Zeit außer in der Pädagogik auch von den Theologischen oder So- zial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angeboten (Gängler 1994, 234). Es gab somit für diese pädagogischen Berufe in den außerschu- lischen Institutionen noch kein spezifisches, erzie- hungswissenschaftliches Ausbildungsprofil und auch die theoretischen Diskurse über diese Arbeits- felder wurden von den Lehrstuhlinhabern für All- gemeine Pädagogik noch mitgeführt (z. B. Nohl 1949). Ähnlich wie in der Weimarer Republik stellte sich die Situation der Disziplin Erziehungswissenschaft inWestdeutschland auch noch in den ersten beiden
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