Handbuch 5. Auflage
Geschichte der Sozialen Arbeit 591 weithin an außerfamiliären Kinderbetreuungsmög- lichkeiten. Die Kirchen sprachen sich für familien- politische Anreize aus, die den Verzicht auf Berufs- tätigkeit erleichtern sollten. Hierfür gründeten sie 1950 bzw. 1954 Familienorganisationen: Familien- bund der Deutschen Katholiken, Evangelische Ak- tionsgemeinschaft für Familienfragen. Hinzu ka- men als überkonfessionelle Verbände der Deutsche Familien-Verband und der Bund der Kinderreichen Deutschlands. 1953 wurde das „Bundesministe- rium für Familienfragen“ eingerichtet, das ab 1957 auch für Jugendfragen zuständig wurde. Eigenständiges Sozialisationsfeld : Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1967 zum JWG von 1961 befasste sich nicht nur mit den Subsidia- ritätsklauseln, sondern auch mit der Frage, ob eine sozialpädagogisch und präventiv ausgerichtete So- ziale Arbeit überhaupt eine öffentliche Aufgabe neben und ergänzend zur Familienerziehung sein könne. Dies wurde durch das Urteil explizit positiv bestätigt. Damit vollzog die Rechtsprechung eine Realität nach, die seit 1945 gewachsen war: Nicht mehr bloß Rand- und Sondergruppen, sondern tendenziell alle Familien und die gesamte junge Generation sollten Adressaten ihrer Angebote sein. Ein solches Selbstverständnis als „eigenständiges Sozialisationsfeld“ konnte aufgebaut werden, weil sich die Soziale Arbeit durch den Ausbau von Rechtsansprüchen im Rahmen von Versicherungs- und Versorgungsleistungen sukzessive von fürsor- gerischen Aufgaben (also Aufgaben der materiellen Unterstützung und in deren Gefolge von sozialer Kontrolle und Eingriffen) entlasten konnte. Dies zeigt sich in der Ablösung des Fürsorgerechts durch das BSHG (1961). Umso kritischer wurden jene Arbeitsfelder betrach- tet, in denen Erziehung mit Zwang verbunden wurde, der Bereich der Fürsorgeerziehung. Er er- schien den Kritikern als Relikt aus einer vergange- nen obrigkeitsstaatlichen Tradition. Im Bereich der Fürsorgeerziehung gingen nicht nur die Fallzahlen rapide zurück. Nach den Heimkampagnen um das Jahr 1970 wurde eine Reihe von Alternativen zur Heimerziehung entwickelt: Großheime wurden differenziert oder durch Kleinheime und Außen- wohngruppen ergänzt, die pädagogische Ausbil- dung der Heimerzieher verbessert, Mitbestim- mungsmodelle erprobt, die Aufenthaltsdauer nach Möglichkeit verkürzt sowie die Erziehung imHeim durch Eltern- und Stadtteilarbeit ergänzt. Bilanz Beim Versuch, die Entwicklung der Sozialen Arbeit zu bilanzieren, stellt sich deren Lage widersprüch- lich dar. So könnte man einerseits eine „Erfolgs- geschichte“ erzählen, vielleicht sogar von einem „sozialpädagogischen Jahrhundert“ (Thiersch 1992) sprechen. Die moderne Soziale Arbeit ist zu einer öffentlichen, sozialstaatlichen Institution der Sozialintegration geworden. Sie soll dazu beitragen, eine soziale Balance zwischen individuellen Lebens- welten und dem Prozess der Modernisierung zu finden. Andererseits ist unübersehbar, dass immer wieder, so auch in der Gegenwart, jene Widersprüche neu aufbrechen, die ihre Geschichte von Anfang an be- gleitet haben: der Widerspruch zwischen sozialpäd agogischer Ausrichtung und sozialpolitischer In- pflichtnahme, das Spannungsverhältnis zwischen öffentlich-staatlichen Aufgaben und privat-par- tikularen Praxisorganisationen, der Konflikt zwi- schen fachlichen Erfordernissen und finanzpoliti- schen Rahmenbedingungen. Literatur Ahlheim, R. Fiereck, M., Gothe, L. (1971): Gefesselte Ju- gend. Fürsorgeerziehung im Kapitalismus. Suhrkamp, Frankfurt/M. Althans, B. (2007): Das maskierte Begehren. Frauen zwi- schen Sozialarbeit und Management. Campus, Frank- furt /M. Bäumer, G. (1929): Die historischen und sozialen Voraus- setzungen der Sozialpädagogik und die Entwicklung ih- rer Theorie. In: Nohl, H., Pallat, L. (Hrsg.): Handbuch der Pädagogik. Band 5. Sozialpädagogik. Beltz, Langen- salza / Berlin / Leipzig, 3–17 Bingel, G. (2009) : Zwischen instrumenteller Logik und so- zialer Utopie. Zum Spannungsverhältnis von Subjektori- entierung und Sozialraumorientierung in den Diskursen Sozialer Arbeit im 20. Jahrhundert. Eine kritische Analyse. Dissertationsschrift, Freie Universität Berlin Bitzan, M., Bolay, E., Thiersch, H. (Hrsg.) (2006): Die Stimme der Adressaten. Empirische Forschung über Er-
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