Handbuch 5. Auflage

594  Geschichte sozialpädagogischer Ideen Von Susanne Maurer und Wolfgang Schröer Die Vorstellung einer „eigenen“ sozialpädagogi- schen Ideengeschichte ist ein Konstrukt der Gegen- wart, das mitunter auch eine besondere Form von Anfangskonstruktionen enthält (Tröhler 2002). Gleichzeitig fordert jede „Ideengeschichte“ die Re- konstruktion derjenigen Diskurse und gesellschaft- lichen Kontexte ein, in denen die jeweiligen „Ideen“ verortet werden können. Diese lassen sich aller- dings nicht ohne weiteres auf bestimmte Anfangs- punkte, Texte und Autoren begrenzen. Beiträge zu einer reflexiven Historiographie Sozia- ler Arbeit (Maurer / Schröer 2002; Maurer 2005; Dollinger 2006) machen deutlich, dass sozialpäd­ agogische Perspektiven aus sozialhistorischen Kon- texten heraus entstehen und dabei gleichzeitig auf übergreifende gesellschaftliche Diskurse zur Frage des Sozialen bezogen sind. Auch das auf „Soziale Arbeit“ bezogene wissenschaftliche Denken ver- dankte sich lange Zeit vor allem engagierten Frauen und Männern, die in verstreuten Feldern (Gängler 1998), nicht zuletzt auch in der sozialpolitischen und sozialpädagogischen Praxis ihre Reputation er- arbeitet hatten. Insgesamt lässt sich die sozialhistorische Gewor- denheit sozialpädagogischer Ideen nicht allein aus einem professionellen oder auch disziplinären Zu- gang heraus begreifen. In diesem Beitrag wird deshalb eine gesellschafts- und diskursgeschicht- liche Perspektive verfolgt; das bisher eher ge- schlechtergetrennte Rekonstruieren in Bezug auf eine Geschichte Sozialer Arbeit wird versuchs- weise zusammengeführt, die zeitgenössischen Auseinandersetzungen um Bildung und FürSorge sollen auf diese Weise systematisch verbunden werden. Der Zugang verläuft damit quer zu den- jenigen Entwürfen einer Geschichte Sozialer Ar- beit, die zwischen pädagogischen und (für)sor- gerischenTraditionen unterscheiden (relativierend bereits Mollenhauer 1964). Im Zuge der Entwicklung sozialer Ideen in der eu- ropäischen Moderne (Grebing 2005) hat vor allem der industriekapitalistische Vergesellschaftungspro- zess des 20. Jahrhunderts den Zusammenhang von Bildung und Care durch alle Lebens- und Gesell- schaftsbereiche hindurch virulent gemacht (Brück- ner 2003; Eckart 2004; Tronto 2000). Der sozial- pädagogische Problemhorizont verweist ebenfalls auf gesellschaftliche Diskursfelder, die auf die Re- gulation der Selbstbehauptung des Menschen in der industriekapitalistischen Moderne (Böhnisch et al. 2005; Schröer 1999) bezogen sind. Für die in diesem Beitrag verfolgte Perspektive sind vor allem diejenigen Diskurse von Interesse, die „sozial(pädagogisch)e Ideen“ hervorbringen, in de- nen Vorstellungen von Care (als FürSorge) und Bil- dung ins Verhältnis zueinander gesetzt sind (so z.B. im Kontext der bürgerlichen Frauenbewegung). Am Beispiel ausgewählter Diskurse wird im Folgenden verdeutlicht, dass historisch Vorstellungen von Care und Bildung miteinander explizit verknüpft wurden, und dass die damit verbundenen „sozialpädagogi- schen Ideen“ im Kontext der Herausbildung moder- ner Geschlechterordnungen zu lesen sind. Aus- gewählte historische Akteure (Personen, Gruppen, Soziale Bewegungen) und soziokulturelle Milieus, die für die Auseinandersetzung mit sozialpädagogi- schen Ideen eine zentrale Rolle spielten, werden exemplarisch angesprochen. Zur historischen und strukturellen Dimension einer Geschichte sozialpädagogischer Ideen Die für die Herausbildung von Sozialpädagogik und Sozialarbeit in Deutschland sehr bedeutsame Ablö- sung der Almosen- durch Armenpolitik um 1900 stellt sich insgesamt als durchaus kontroverser und Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art057, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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