Handbuch 5. Auflage

Geschichte sozialpädagogischer Ideen 595 konfliktreicher Prozess dar (Böhnisch et al. 1999). Es wurde dabei immer auch kritisiert, „daß die Be- schränkung lediglich auf das Gebiet der Wohlthätig- keit im Grunde einen Verzicht auf die Lösung der eigentlichen Schwierigkeiten des sozialen Problems“ (v. Gizycki 1895, 586) bedeutete. Mit der seit der Reichsgründung 1871 verfolgten staatlichen Arbeiterpolitik und der Herausbildung des Sozialversicherungswesens entwickelt sich eine voneinander unterschiedene Arbeiter- und Armen- politik bzw. Armenfürsorge (Sachße /Tennstedt 1988). Damit findet in Deutschland gleichzeitig eine Spaltung entlang der Trennlinie Geschlecht statt (Reinl 1997), und zwar mit einer (kollekti- vierenden) Tendenz, die Existenz erwerbstätiger Individuen an der Norm eines (männlich gedach- ten) Arbeiters auszurichten, dessen Reproduktions- risiken auf den industriellen Produktionsprozess hin „versichert“ werden. Andere Existenzrisiken werden individualisiert und mehr oder weniger der Fürsorgetätigkeit überlassen, verschwinden – als „Probleme der privaten Lebensführung“ – tenden- ziell aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Strukturproblemen. Gerade mit Bezug auf eine Sozialpolitik als Ge- schlechterpolitik (Ostner 1994) kann gezeigt wer- den, dass im modernen Wohlfahrtsstaat eine Bil- dungsperspektive ausgebildet wird, in die „weit reichende Definitionen von Normalität und Ab- weichung bezüglich durchschnittlicher Lebensent- würfe und Lebensführungen […] eingelassen sind“ (Böhnisch et al. 1999, 253). Nicht nur imMedium Sozialer Arbeit, sondern auch in (anderen) pädago- gischen Kontexten findet also eine spezifische „Normalisierung“ statt, und dies geschieht im Rah- men eines „Geschlechterdispositivs“ (Bührmann 1998). Sozialpädagogische Ideen sind daher in Ge- schlechter-Macht-Verhältnisse verwoben. His- torisch ist die Idee „weiblicher Arbeit“ mit Hilfs- bedürftigen entstanden, die jeweils eher aktuell und auf konkrete Situationen bezogen agiert (Funk 1989), während „Sozialpolitik“ als Idee anschei- nend einer anderen räumlichen und zeitlichen (In- stitutionalisierungs-)Logik folgt. Unter den Vor- zeichen von Geschlechtertrennung und -hierarchie entsteht so eine Art „personelle Verfügbarkeit“ weiblicher Sorgetätigkeit (Böhnisch / Funk 2002), die eine spezifische Machtwirkung des (histori- schen) Geschlechterdispositivs darstellt (Maurer 2001). Die reproduktionsorientierte, an der Unmittelbar- keit der Lebensverhältnisse ansetzende Soziale Ar- beit wird so immer mehr als „das Andere“ der Sozi- alpolitik betrachtet, sie wird dennoch (vor allem zur Regulation „sozialer Krisen“) sozialpolitisch ge- braucht und als selbstverständlich verfügbar ange- sehen. Soziale Arbeit springt sozusagen da ein, wo soziale Risiken nicht mehr individuell bewältigbar sind – und bildet damit einen Zwischenbereich, einen Bereich der Vermittlung zwischen privati- sierter Reproduktion und gesellschaftlich-kollekti- ver Reproduktion (Bitzan 2002). Bührmann weist in Bezug auf die historische Ent- wicklung auf die „doppelte Verknüpfung“ von Frauen mit dem sich etablierenden Sozialstaat hin (Bührmann 2004, 221 f.), in der es einerseits um dessen „gleichberechtigte Nutzung“ gegangen sei; gleichzeitig wurden Frauen im Zuge der Entwick- lung moderner Sozialer Arbeit und der Herausbil- dung einer sozialen Infrastruktur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu Mit-Entscheidungsträ- gerinnen staatlicher Sozialpolitik. Dies trifft auf Gertrud Bäumer (1873–1954) zu, auf die Leiterin der Frauenarbeitszentrale im Kriegsministerium und spätere Reichstagsabgeordnete Marie-Elisa- beth Lüders (1878–1966) oder auch auf Marie Ju- chacz (1879–1956), die Begründerin der Arbeiter- wohlfahrt. Der politische Diskurs um Geschlechterdifferenz und -hierarchie ist so insgesamt in die Soziale Ar- beit eingelassen. Systematisch ist deshalb danach zu fragen, wie sozialpädagogische Ideen, die in der Geschichte Sozialer Arbeit auch mit Bezug auf die gesellschaftliche Geschlechterordnung formuliert wurden, entsprechend rekonstruiert und einge- ordnet werden können (Maurer 2008; Mau- rer / Schröer 2002; Schröder 2001; Bührmann 2004). Soziale Ideen und Soziale Bewegungen Die Entwicklung sozialpädagogischer Ideen erfolgte nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit den zeitge- nössischen Sozialen Bewegungen und durch diese Bewegungen selbst (Nohl 1927). Am Beispiel der Arbeiterbewegung und Frauenbewegung um 1900 soll dies kurz veranschaulicht werden. Beide Bewe- gungen bezogen sich auf Verhältnisse sozialer Un-

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