Handbuch 5. Auflage
602 Maurer · Schröer Differenzierungsarbeit: Einerseits arbeiten sie he- raus, was von der Geschichte in die Archive gehört und dem „Reich der Vergangenheit“ zuzurechnen ist, andererseits zeigen sie auf, was von der Ge- schichte in der Gegenwart enthalten ist. Eine Ge- schichte sozialpädagogischer Ideen ist immer auch ein Ordnen von Zugängen unter diesen Blick- winkeln, wobei in diesem Beitrag ein Strang der Geschichte verdeutlicht wurde, über den auch ak- tuelle Auseinandersetzungen um die Soziale Arbeit perspektivisch zusammengedacht werden könn- ten. Bisherige Fachdebatten über den Zusammenhang von Bildung und Sorge in der Sozialen Arbeit wir- ken häufig recht zögerlich. Demgegenüber sind – vor allem von feministischen Autorinnen – angesichts der weltweiten sozialen Transformationsprozesse der letzten Jahre erneut differenzierte Analysen zum widersprüchlichen Zusammenhang von Sorge, Bil- dung und sozialer Ungerechtigkeit erarbeitet wor- den. So weist etwa Nancy Fraser mit ihren Beiträgen immer wieder darauf hin, dass in einer Perspektive von Gerechtigkeit und Anerkennung nicht mehr in denjenigen sozialstaatlichen Modellen gedacht und gehandelt werden kann, in deren Rahmen viele westliche Länder die sozialen Fragen des ausgehen- den 19. und 20. Jahrhunderts bearbeitet haben. Das Verhältnis von Sorge und Bildung erscheint in den aktuellen sozialpolitischen und sozialpädagogi- schen Diskussionen also erneut „aufgegeben“; es wird darum gehen sich in einer Weise kritisch-re- flexiv auf den gegenwärtigen Transformationspro- zess zu beziehen, die diesen nicht in einen „Affir- mationsprozess“ sozialerUngleichheit und Spaltung umschlagen lässt. „Affirmative Maßnahmen gegen Ungerechtigkeit“ nennt Fraser „solche Mittel, die darauf abstellen, ungerechte Folgewirkungen ge- sellschaftlicher Verhältnisse auszugleichen, ohne den zugrunde liegenden Rahmen anzutasten, der diese Verhältnisse hervorbringt. Unter transforma- tiven Maßnahmen“ werden dagegen Mittel ver- standen, „die beabsichtigen, ungerechte Folgewir- kungen zu beheben, indem man gerade die zugrunde liegenden Voraussetzungen dieser Ver- hältnisse neu strukturiert“ (Fraser 2001, 47). Wel- chen Beitrag „sozialpädagogische Ideen“ dazu leis- ten können, wäre zu zeigen. Literatur Althans, B. (2007): Das maskierte Begehren. Frauen zwischen Sozialarbeit und Management. Campus, Frankfurt/M./ New York Amthor, R.-C. (Hrsg.) (2008): Soziale Berufe im Wandel. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Sozialer Arbeit. Schneider Hohengehren, Baltmannsweiler Andresen, S., Tröhler, D. (Hrsg.) (2002): Gesellschaftlicher Wandel und Pädagogik. Pestalozzianum, Zürich Baum, M. (1926): Zehn Jahre soziale Berufsarbeit. F. A. Her- big Verlagsbuchhandlung, Berlin – (1910): Fabrikarbeit und Frauenleben. In: Die Verhand- lungen des zweiundzwanzigsten Evangelisch-sozialen Kon- gresses. Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen, 5–38 Bäumer, G. (1929): Die historischen und sozialen Vorausset- zungen der Sozialpädagogik und die Entwicklung ihrer Theorie. In: Nohl, H., Pallat, L. (Hrsg.), 3–17 – (1910/11): Fanny Lewald. Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, hrsg. von Helene Lange, 18. Jg., 490 – (1904): Die Frau in der Kulturbewegung der Gegenwart, Bergmann, Wiesbaden Bitzan, M. (2002): Sozialpolitische Ver- und Entdeckungen. Geschlechterkonflikte und Soziale Arbeit. Widersprüche 22, 27–43 Böhnisch, L., Arnold, H., Schröer, W. (1999): Sozialpolitik. Eine sozialwissenschaftliche Einführung. Juventa, Wein- heim/München – , Funk, H. (2002): Soziale Arbeit und Geschlecht. Theore- tische und praktische Orientierungen. Juventa, Wein- heim/München –, Thiersch, H., Schröer, W. (2005): Sozialpädagogisches Denken. Wege zu einer Neubestimmung. Juventa, Wein- heim/München Braun, L. (1901): Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt. Archiv für Soziale Gesetzgebung und Statistik 16, 132–150 Brückner, M. (2003): Der gesellschaftliche Umgang mit zwischenmenschlicher Abhängigkeit und Sorgetätigkeiten. Neue Praxis 33, 162–163 Bührmann, A. (2004): Der Kampf um weibliche Individuali- tät. Zur Transformation moderner Subjektivierungsweisen in Deutschland um 1900. Westfälisches Dampfboot, Münster – (1998): Die Normalisierung der Geschlechter in Ge- schlechterdispositiven. In: Bublitz, H. (Hrsg.), 71–94 Castel, R. (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage: eine Chronik der Lohnarbeit. Universitäts-Verlag, Kon- stanz
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=