Handbuch 5. Auflage

Geschichte sozialpädagogischer Ideen 601 gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechend – in ihrer Transformationsbedürftigkeit analysiert. Er plädiert deshalb für kollektive, den Einzelhaushalt übergreifende Formen familialer Sorge und Bil- dung, welche die „Starrheit des Familienbegriffs“ zu überwinden in der Lage sind. Natorp spricht in diesem Zusammenhang „von Familienverbänden“ und „Nachbarschaftsgilden“, in denen privat-fami- liale und gesellschaftliche Sozialformen miteinan- der verbunden werden können. Er dachte dabei vor allem an die Arbeiterschaft, deren familien- übergreifende, offene Sozialformen und solidari- sche Milieustrukturen er erhalten wissen und die er nicht in die politische Privatheit der bürgerlichen Kleinfamilie treiben wollte (Kunstreich 2000). Diese Überlegungen Natorps weisen durchaus Pa- rallelen zu den weiter oben erwähnten Vorschlägen von Lily Braun auf. Friedrich Siegmund-Schultze verknüpfte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Paul Natorps sozial­ pädagogische Ideen mit der internationalen Settle- ment-Bewegung. In der letzten Ausgabe seiner „Neuen Nachbarschaft“ (1930) druckte er im Üb- rigen den folgenden Beitrag Alice Salomons ab: „Der Staat ist die verkörperte Gerechtigkeit. Wa- rum sollte der Bürger noch um die Gerechtigkeit Sorge tragen. […] Es ist auch die Zeit gekommen, um neben der behördlichen Sozialarbeit die Arbeit der freien Vereine neu zu beleben. Die private Für- sorge ist das Wahrhafte Gewissen der Nation“ (Sa- lomon 1930, 169). Für Siegmund-Schultze hatte Salomon damit „mit hoher Deutlichkeit den ent- scheidenden Punkt herausgestellt.“ Er selbst trat mit seiner von der Settlement-Bewe- gung inspirierten Idee der Stärkung des Nachbar- schaftswesens und mit seinen sozialpädagogischen Arbeitsgemeinschaften für eine „Erneuerung der Gesellschaft aus der sozialen Praxis des unmittel- baren menschlichen Miteinanders“ ein. Mit seiner Skepsis gegenüber einer ausdifferenzierten, „äußer- lich“ bleibenden staatlichen Sozialordnung und gegenüber einer Sozialbürokratie, die den Bürger von der gegenseitigen Sorge um das menschliche Miteinander entferne, bezog sich Siegmund- Schultze letztlich auf die Bildungsideen von Natorp und Pestalozzi, die in ihrer Sozialphilosophie eben- falls davon ausgingen, dass das unmittelbare, ganz- heitliche, gemeinschaftliche Miteinander das zu bewahrende „innere Kernelement der Kulturna- tion“ und der sozialen Erneuerung sei. Allerdings sind die hier zitierten Äußerungen des Jahres 1930 auch als Reflex auf die inzwischen vorliegenden zwiespältigen Erfahrungen mit dem Wohlfahrts- wesen unter den schwierigen politischen und fi- nanziellen Vorzeichen der Weimarer Republik zu lesen. Die hier nur angedeuteten Vorstellungen Sieg- mund-Schultzes und Salomons verweisen ins- gesamt auch auf die in Sozialarbeit und Sozialpäd­ agogik immer wieder thematisierte Idee einer „Bürgergesellschaft“, in der private Sorge und die Bildung sozialer Gemeinwesen gegen den Sozial- staat und öffentliche Bildungsverantwortung aus- gespielt werden. Anders als etwa bei Gertrud Bäumer und Carl Mennicke, die den selbstver- ständlichen Platz der sozialen Berufsarbeit in mo- dernen Wohlfahrtsstaaten neben anderen Berufen (wie Lehrer, Handwerker oder Industriearbeiter) hervorhoben, da die hier geleistete Arbeit sich grundsätzlich von der überkommenen privaten sozialen Hilfstätigkeit unterscheide. Entsprechend warnte Mennicke z. B. vor „reaktio- nären Vereinigungen und Bestrebungen“, die nicht die „Tragweite“ des gesellschaftlichen Struktur- wandels für das Alltagsleben der Menschen“ er- kennen wollten und erneut die „pädagogische Kraft“ der „traditionellen gesellschaftlichen For- men“ betonten und z. B. die „private Liebestätig- keit“ als Grundmaxime des Hilfesystems wieder entdeckten (Mennicke 1930, 330). Insgesamt umfassten die sozialpädagogischen Ideen der Zeit ein „sehr komplexes Zusammenspiel von Selbsthilfe und Fremdhilfe, von staatlicher Inter- vention und Eigenverantwortung des einzelnen“ (Schröder 2001, 331). Mit der Idee einer „gesell- schaftlichen Selbsthilfe“, die z. B. im Kontext der Frauenbewegung als „gegenseitige Frauenhilfe“ konzipiert und realisiert worden ist (im Rahmen von Rechtsschutzstellen, berufsständischer Interes- sensvertretung, Bildungsinitiativen), kommt zum einen eine kollektive, zum anderen eine dezidiert zivilgesellschaftliche Dimension ins Spiel. Ausblick: Sozialpädagogische Ideen in sozialhistorischer Perspektive Historische Betrachtungen richten – so Eric Hobs- bawm (1989) – zwei Lichtkegel auf die Geschichte und leisten damit eine grundlegende politische

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