Handbuch 5. Auflage
605 Gesellschaftstheorien und Soziale Arbeit Von Werner Thole und Martin Hunold Gesellschaften konstituieren sich über die triviale Tatsache, dass Menschen als denkende und han- delnde Sozialwesen unter Rückgriff auf die vor- handenen und hergestellten Ressourcen in unter- schiedlicher Weise ihr Dasein in und ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gemeinschaften her- stellen, arrangieren und reproduzieren. Versuche der Beobachtung und Beschreibung der Modalitä- ten des Zusammenlebens und damit der Gesell- schaft können auf eine lange Tradition verweisen und lassen sich bereits in der antiken Philosophie identifizieren. Sozialwissenschaftlich fundierte, systematisierte Analysen von und Theorien über Gesellschaften liegen jedoch erst ab Ende des 19. Jahrhunderts vor. Die Beobachtungen sind un- trennbar mit den Modernisierungsprozessen in der ständisch-feudalen Ordnung sowie der Herausbil- dung der modernen Wissenschaften in den abend- ländischen Gesellschaften verbunden (Marx 1867 [1974a]; Durkheim 1893 [1992]; Simmel 1890 [1989]; Weber 1922 [1972]). Dieser Beitrag wünscht etwas Klarsicht in das Dunkel der Bedeu- tung von Gesellschaftstheorien zu bringen und ihre Bedeutung für die theoretische Formatierung der Sozialen Arbeit zu illustrieren. Kaum Widerspruch dürfte die Feststellung pro- vozieren, dass dem Bezug auf Gesellschaftsdiagno- sen eine hohe Relevanz für die theoretische Kodie- rung der Sozialen Arbeit zukommt. Doch auf welche Theorie von Gesellschaft sich diese Bezug- nahme stützen sollte und kann, ist weitgehend of- fen. Dieser Umstand verdankt sich nicht nur der Existenz von unterschiedlichen Gesellschaftstheo- rien, sondern auch der Tatsache, dass die theoreti- sche Kartographisierung der Sozialen Arbeit wei- terhin ein ebenso schwieriges wie komplexes und undankbares Unternehmen darstellt. Als schwierig und komplex stellt es sich dar, weil die vorliegen- den Theorien und Konzepte nicht nur auf gesell- schaftstheoretische, sondern auf ganz unterschied- liche disziplinäre Wissensbestände zurückgreifen. Neben psychologisch, sozialwissenschaftlich, juris- tisch, politik-, erziehungs- oder kulturwissenschaft- lich inspirierten theoretischen Vermessungen der Sozialen Arbeit liegen Entwürfe vor, die das Feld der Sozialen Arbeit subjekt-, gesellschafts-, hand- lungs- oder interaktionstheoretisch zu beschreiben suchen. Konträr und in Kritik zu diesen disziplinär gebundenen Theorieperspektiven werden zyklisch neue Argumente vorgetragen, die dafür plädieren, die Soziale Arbeit als ein von gängigen Wissen- schaftsdisziplinen und -perspektiven emanzipiertes Fachgebiet zu konzipieren und zu begründen (u. a. Engelke et al. 2008; Mühlum 2004; Kleve /Wirth 2009). Irritierend kommt hinzu, dass die vorlie- genden Theorie- und Konzeptionsfolien ihren Ge- genstand zudem über sehr unterschiedliche Kate- gorien und Begriffe thematisieren. Dabei werden einerseits die sich über die handlungspraktischen Anforderungen, denen sich die Soziale Arbeit zu stellen hat, ergebenen zentralen Begriffe zum Aus- gangspunkt des Theoriebildungsprozesses gewählt. Hilfe, Erziehung, Betreuung, Fürsorge, Unterstüt- zung und beispielsweise Bildung avancieren so zu zentralen Begrifflichkeiten. Andererseits generieren unterschiedliche Problemperspektiven, Facetten und Segmente zum Ausgangspunkt der Theorie- bildungsprozesse. Die soziale Frage, Armut und soziale Probleme, Fragen des Aufwachsens und der Sozialisation und die jeweils vorliegenden Kom- petenzen und Ressourcen, Leben zu gestalten und zu bewältigen, rücken dann als zentrale Gegen- stände und Themen ins sozialpädagogische Theo- riezentrum. Einleitend ist hier somit – wiederholt und schlicht – festzuhalten, dass in der deutschspra- chigen Diskussion kein Konsens über den genui- nen Gegenstandsbereich und über die kategoria- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art058, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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