Handbuch 5. Auflage
606 Thole · Hunold len Rahmungen einer wie auch immer theoretisch ausformulierten Theorie der Sozialen Arbeit exis- tiert (aktuell Hamburger 2008; Rauschen- bach / Züchner 2010; Thole 2009; 2010) und Versuche, einen identifizierbaren Weg in den sozi- alpädagogischen Theorie- und Konzeptions dschungel zu schlagen, wenig Dank erfahren, auch weil mit mehr oder weniger guten Argumen- ten dem jeweils entdeckten und freigeschlagenen Weg aus jeweils anderen Theorieblickwinkeln Schwachstellen vorgehalten werden können. Der nachfolgende Beitrag verzichtet weitgehend darauf, einzelne sozialpädagogische Theorieposi- tionen zu beschreiben. Stattdessen werden die für die wissenschaftliche Fundierung der Sozialen Ar- beit herangezogenen gesellschaftstheoretischen Po- sitionen danach befragt, auf welche Fragen sie in Bezug auf die Soziale Arbeit Antworten und Auf- klärungen versprechen. Die knapp skizzierten Theoriekonzepte fokussieren dabei divergente Themen- und Gegenstandsbereiche. Dabei stellt sich der Beitrag zu vorliegenden Entwürfen einer Bestimmung des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und Gesellschaft oder einer gesellschaftstheoreti- schen Kodierung der Sozialen Arbeit insofern quer, als dass nicht nur klassische, sozial- und politikwis- senschaftliche Gesellschaftstheorien hinsichtlich ihres Ertrages für den sozialpädagogischen Theo- riebildungsprozess angefragt werden, sondern auch psychologische, subjekt- und interaktionstheoreti- sche und am Rande auch erziehungswissenschaftli- che Wissensbestände hinsichtlich ihres Beitrages für eine gesellschaftstheoretische Formatierung der Sozialen Arbeit diskutiert werden. Damit wird si- cherlich der Frage ausgewichen, was eine Theorie zu einer Gesellschaftstheorie macht und worüber sich diese gegenüber nicht-gesellschaftstheoreti- schen Paradigmen abgrenzt. Demgegenüber wird zu zeigen versucht, dass eine gesellschaftstheoreti- sche Perspektive über ganz unterschiedliche Be- obachtungsblickwinkel Kompetenz entwickeln kann. Vorgestellt werden ausgewählte gesellschafts- theoretische Wissensbestände, die für die Fundie- rung sozialpädagogischer Theoriebildung instruk- tiv erscheinen. Die getroffene Auswahl ist sicherlich selektiv und nicht umfassend, aber keineswegs willkürlich. Vor- gestellt werden theoretische Paradigmen, die aus einer struktur-, subjekt- und handlungstheoreti- schen Perspektive Gesellschaft zu verstehen suchen. Die Wahl für die nachfolgend erwähnten und vor- gestellten gesellschaftstheoretischen Perspektiven begründet sich also über eine den Theorien jeweils unterstellte aufklärerische Qualität. Diese kann im Einzelnen sicherlich kritisch angefragt werden. Letztendlich werden die referierten theoretischen Modelle jedoch daran zu messen sein, ob sie das Potenzial vorhalten, die jeweils an sie adressierten Fragestellungen und Probleme aufzuhellen und ob es mittels der jeweils hervorgehobenen theoreti- schen Perspektive und des darüber empirisch zu generierenden Wissens gelingen kann, Antworten und Lösungen zu finden, die die empirische Fun- dierung und theoretische Entwicklung der Sozialen Arbeit stützen und fördern. Karl Marx, die Folgen und darüber hinaus – strukturtheoretische Perspektiven auf Gesellschaft Die Spielregeln der modernen, bis heute fortdauern- den bürgerlichen Gesellschaft finden sich erstmals umfassend und systematisch von Karl Marx und Friedrich Engels analysiert. Reagieren Teile des auf- geklärten und sozial sensiblen Bürgertums ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die fun- damentalen gesellschaftlichen Veränderungen und Verwerfungen mit der Implementierung von ersten wohltätigen, sozialen Praxen und Organisationen für soziale Hilfstätigkeit, so nahmen K. Marx und F. Engels die neuen, kapitalistischen Produktionsfor- men, die darüber hervorgerufene Mobilität zwischen urbanen und ländlichen Regionen und die sich ver- schärfende Dynamik der sozialen Verelendung zum Ausgangspunkt ihrer Kritik der politischen Öko- nomie, der die Verhältnisse verklärenden Philoso- phie und der politischen Lage im Allgemeinen (Trei- bel 2006). Die klassisch-marxistische Theorie der Gesellschaft legt auf der Basis einer systematischen Auseinandersetzung mit den beobachteten Arbeits- und Produktionsverhältnissen eine umfassende Ge- sellschaftstheorie vor. In ihren Analysen gehen K. Marx und F. Engels davon aus, dass die Formen der materiellen Produktion von Waren durch die Ar- beiterInnen und ihre Aneignung durch die wenigen EigentümerInnen von Produktionsstätten die Form- gestalt der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen und diese als kapitalistische Gesellschaft auszeichnen. Die ArbeiterInnen entäußern ihre Arbeitskraft in
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