Handbuch 5. Auflage

Gesellschaftstheorien und Soziale Arbeit 617 stellen. Erfolgreiche und gelungene Soziale Arbeit baut, und hierauf zielt die Überlegung ab, auf die Kommunikation von Anerkennung als Modus ihrer Intention, Subjekte dabei zu unterstützen, auto- nome Lebensführungs- und Lebensgestaltungskom- petenzen über bildsame Prozesse zu erobern und weiter auszugestalten. Für die gesellschaftstheoretische Ausrichtung einer Sozialen Arbeit, die sich der Unterstützung der Sub- jekte bei Gewinnung oder Wiederherstellung ihrer Autonomie in der Lebensgestaltung verpflichtet fühlt, weist der Begriff der Anerkennung auf eine Verbindung zwischen dem Individuum und gesell- schaftlicher Phänomene und Strukturen hin. Ins- besondere vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass sich gegenwärtig am „unteren Rand“ der Gesell- schaft dynamisch neue Spaltungen herausbilden und die Kontur der „klassischen“ Problem- und Un- gleichheitslagen verschärfen (Groh-Samberg 2005; Rieger/Leisering 2001), erhält diese Perspektive Bedeutung. Marginalisierungen und Formen der Desintegration zeigen immer deutlicher auch For- men von ausgewiesenen Exklusionen, von Aus- schließungen, die sich immer noch, aber nicht mehr nur und ausschließlich über die Verfügbarkeit über geringe materielle Ressourcen bedingen, sondern die sich über „reine“ Formen der Einkommensarmut hinaus oder sogar unabhängig von diesen über so- zial-kulturelle Marginalisierungen beziehungsweise aufgrund des Empfindens solcher (Bude/Lanter- mann 2006) herstellen (Anhut/Heitmeyer 2005; u.a. auch die Beiträge in Lessenich/Nullmeier 2006). Soziale Arbeit stellt sich aus dieser Perspektive als ein gesellschaftliches Allgemeinangebot und zu- gleich als eine gesellschaftlich mandatierte Ressource dar, die die Verschärfung von materiellen, kulturel- len und sozialen Problemlagen bei denjenigen gesell- schaftlichen Teilgruppen mittels Hilfs-, Unterstüt- zungs- und Bildungsangebote abzufedern beauftragt ist, die unter den kapitalistischen Reproduktions- bedingungen aufgrund ihrer strukturellen Margina- lisierung oder einer auch nur temporären „Prekari- sierung“ ihrer Lebenssituation zu leiden haben (Sauerwald et al. 2002; Heite 2008, 98ff.). Intention des Beitrages ist und war herauszustellen, dass die sozialpädagogischen Theoriereflexionen auf gesellschaftstheoretisches Wissen angewiesen sind. Bei allen bestehenden Unsicherheiten in Be- zug auf das dabei zu favorisierende theoretische Paradigma und unter Beachtung der Grenzen, die auch gesellschaftstheoretische Perspektiven vor- weisen, spricht vieles dafür, modernisierungstheo- retischen Modellen eine besondere Relevanz zu- zusprechen, auch weil hierüber die Dynamik gesellschaftlicher Innovationen am prägnantesten zu analysieren ist. Modernisierungstheoretische Überlegungen stellen dem sozialpädagogischen Projekt eine Folie bereit, sich empirisch abgefedert theoretisch zu rahmen, und enthalten die Kom- petenz, die Handlungspraxis, die Theorie, die Qualifikationslandschaft und die Forschungskultur der Sozialen Arbeit reflexiv fortzuschreiben. Literatur Adorno, Th. W. (1979): Studien zum autoritären Charakter. Suhrkamp, Frankfurt/M. – (1973): Soziologische Schriften. Suhrkamp, Frankfurt/M. Agamben, G. (2008): Was ist ein Dispositiv? diaphanes, Zü- rich/Berlin Anhut, R., Heitmeyer, W. (2005): Desintegration, Anerken- nungsbilanzen und Rolle sozialer Vergleichsprozesse. In: Heitmeyer, W., Imbusch, P. (Hrsg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration. VS Verlag, Wiesbaden, 75–100 Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/M. –, Lau, Ch. (2005): Theorie und Empirie reflexiver Moder- nisierung. Von der Notwendigkeit und den Schwierig- keiten, einen historischen Gesellschaftswandel innerhalb der Moderne zu beachten und zu begreifen. Soziale Welt 56, 107–135 Berger, P. A. (1996): Individualisierung. Zwischen Statusun- sicherheit und Erfahrungsvielfalt. Leske+Budrich, Opla- den –, Luckmann, Th. (1972): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. 3.Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart –, Vester, M. (1998): Alte Ungleichheiten – Neue Spaltun- gen. In: Berger, P. A., Vester, M. (Hrsg.): (Hrsg.): Alte Un- gleichheiten – Neue Spaltungen. Westdeutscher Verlag, Opladen, 9–30 Bourdieu, P. (2005): Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA-Verlag, Hamburg – (1997): Das Elend der Welt. UVK Universitätsverlag Kon- stanz, Konstanz

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