Handbuch 5. Auflage
616 Thole · Hunold Gleichwohl obliegt der Sozialen Arbeit weiterhin im Kern die Aufgabe, über die professionelle Initiie- rung, Etablierung und Stabilisierung von Lebens- bewältigungs- und Lebensgestaltungskompetenzen die Herstellung von sozialer und kultureller Zu- gehörigkeit, von stabilen, verlässlichen Anerken- nungsverhältnissen (Heite 2008; Schoneville/Thole 2009; Keupp et al. 1999) und gesellschaftlichen Be- teiligungen zu ermöglichen und zu sichern. Soziale Arbeit ist – vereinfacht formuliert – ein ge- sellschaftlich vorgehaltenes Angebot der Hilfe, Un- terstützung, Begleitung und Betreuung vornehmlich für diejenigen Gesellschaftsmitglieder, denen auto- nom die Ressourcen für ein „gelungenes“ und „zu- friedenstellendes“ Leben nicht hinreichend zur Ver- fügung stehen oder denen diese Ressourcen vorenthalten werden, sowie der Initiierung von Bil- dungsprozessen vornehmlich außerhalb des forma- len Bildungssektors. Ein relativ junges, an die obigen Überlegungen anschließendes Theoriekonzept der Sozialen Arbeit stellt der Capability-Ansatz dar. Un- terfüttert mit den ökonomischen Analysen und der gerechtigkeitstheoretischen Idee von Amartya Sen (2000) sowie den ethischen Prämissen der US-ame- rikanischen Philosophin Martha C. Nussbaum (1999) konzipiert das Theoriemodell die Soziale Ar- beit als ein gesellschaftliches Feld, das Menschen dabei zu unterstützen hat, ihre Handlungsbefä- higung und Verwirklichungschancen herauszubil- den und zu nutzen, um Formen der Exklusion und Desintegration zu minimieren (Otto /Ziegler 2008). Als zentrale, professionelle Aufgabe der Sozialen Ar- beit wird in dieser handlungspragmatischen Theo- rieperspektive der Beitrag zum Wohlergehen der Menschen und die Maximierung der Beteiligungs chancen adressiert (Oelkers et al. 2008, 86). Implizit geht es auch in diesem Ansatz darum, den Formen und Modi der Herstellung von Anerkennung eine zentrale Funktion zu zuweisen. Den gesellschafts- theoretisch in den letzten Jahren wohl prominentes- ten Vorstoß, den Anerkennungsbegriff in das Zen- trum einer Gesellschaftstheorie zu stellen, hat Axel Honneth (1992; auch Sobottka/Saavedra 2009) vorgelegt. Er begreift Anerkennung nicht nur als Grundbegriff des Sozialen, sondern wendet ihn auch auf die Frage gesellschaftlicher Konflikte an und in- terpretiert diese als gesellschaftliche Kämpfe um An- erkennung. Das Grundmodell A. Honneths besteht aus einer phänomenologisch angelegten, drei An- erkennungsformen unterscheidenden Typologie: Liebe, Recht und Solidarität. Für die Soziale Arbeit ist die angedeutete Perspektive sowohl hinsichtlich ihrer theoretischen Verankerung als auch hinsicht- lich ihrer empirischen Orientierung und der Ent- wicklung von Praxiskonzepten interessant und an- schlussfähig (Schoneville/Thole 2009). Erfahren Menschen in ihren lebensweltlichen Zu- sammenhängen keine oder keine ausreichende af- fektive, zuneigende Unterstützung und Anerken- nung, denen sie beispielsweise zur Bewältigung von Risiken und Krisen bedürfen, wird ihnen also emo- tionale Zuwendung – „Liebe“ – nicht zuteil, ist die Soziale Arbeit ebenso zum Handeln aufgerufen wie in den Fällen, wo grundlegende soziale Rechte ein- zelnen Menschen, Gruppen oder Milieus vorent- halten werden oder soziale und kulturelle Netzwerke und lebensweltliche Kontexte sich so unsicher und instabil präsentieren, dass gesellschaftliche Solidari- tät und Zusammenhalt Prozesse der Desintegration, Ausgrenzung und Marginalisierung hervorrufen. Aus einer anerkennungstheoretischen Perspektive konstituiert und kommuniziert erfolgreiche und ge- lungene Soziale Arbeit zum einen Anerkennung in Fällen und Situationen, in denen die „natürlichen“ Formen der Herstellung von Anerkennung versagen oder implodieren, so beispielsweise in den erzieheri- schen Hilfen, in familien- oder gemeinwesenorien- tierten Projekten. Zudem realisiert Soziale Arbeit Praxen der Anerkennung wo ihr aufgrund der gesell- schaftlichen Aufgaben und Mandatserteilung eine Zuständigkeit für die Initiierung von Bildungspro- zessen obliegt, beispielsweise in der Pädagogik der Kindheit oder auch in der Kinder- und Jugend- arbeit. Die dabei aktivierten Formen der Anerken- nung müssen nicht ungebrochen die partiell doch recht problematischen Formen der Aktivierung von Anerkennung in den einzelnen sozialen Welten re- produzieren (hierzu auch Beiträge in Kessl/Otto 2004). Sie können – und sollten – in einer nicht af- firmativen Form Beispiele und Gegenentwürfe für andere, sozial ausbalancierte Weisen der Mitteilung von Anerkennung favorisieren. Beispielsweise kann es in Bezug auf xenophobisch, rechtsnational orien- tierte Jugendliche nicht darum gehen, die dort ak- zeptierten und tolerierten menschheitsfeindlichen, selbst- und fremdzerstörerischen Formen des Res- pekts zu duplizieren. Diesen Formen der Anerken- nung sind humanere, sozial gerechtere, nicht über Stigmatisierung und Ausgrenzung gesteuerteWeisen der Herstellung von Anerkennung gegenüber zu
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