Handbuch 5. Auflage

620  Gesundheit und Krankheit Von Hans Günther Homfeldt und Stephan Sting Zum Verhältnis von Gesundheit und Sozialer Arbeit Soziale Arbeit bezieht sich von Beginn an eng auf gesundheitliche Belange. In den sozialen Bewe- gungen des 19. Jahrhunderts ging es gleicherma- ßen um Hilfeleistungen für Arme und für Kranke. Zugleich manifestieren sich Armut und soziale Benachteiligung im Körper- und Gesundheits- zustand der Betroffenen – von den Waisenkindern Pestalozzis über die Cholerakranken in den pro- letarischen Stadtvierteln der Frühindustrialisie- rung bis zur heutigen Erkenntnis der Sozialepi- demiologie, dass die „gesamte Sozialstruktur einer Gesellschaft“ von einer „Ungleichverteilung von Gesundheit und Krankheit“ durchzogen ist (Richter / Hurrelmann 2006, 14). Soziale Probleme und gesundheitliche Belastun- gen gehen Hand in Hand. Dementsprechend stellt die „Gesundheitsfürsorge“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Säule in der Ent- wicklungsgeschichte der Sozialen Arbeit dar (Homfeldt / Sting 2006, 51). Ebenso lassen sich zahlreiche Überschneidungen zwischen dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Mitte der 1980er Jahre eingeführten Konzept der „Ge- sundheitsförderung“ und der Sozialen Arbeit nachweisen: Franzkowiak und Wenzel haben he- rausgearbeitet, dass die an Ressourcenförderung, Partizipation und sozialpolitischer Aktivierung ausgerichtete Soziale Arbeit das Modell für eine positive und umfassende Gesundheitsförderung lieferte (Franzkowiak /Wenzel 2001, 720). Und Rosenbrock hat schon vor mehr als zehn Jahren bilanziert, „dass die gesundheitlich v. a. in Pro- blemgruppen wirksamsten Maßnahmen [der Ge- sundheitsförderung] von Sozialarbeit und Sozial- pädagogik geleistet werden“ (Rosenbrock 1998, 207). Trotz der offensichtlichen Relevanz der Sozialen Arbeit für gesundheitliche Belange rückt Gesund- heit als Eckthema Sozialer Arbeit erst allmählich ins Blickfeld des disziplinären Diskurses. Neben einzelnen Professionalisierungsbestrebungen für neue gesundheitsbezogene Sozialberufe wie z. B. „Klinische Sozialarbeit“ und „Gesundheitsmanage- ment“ kann in der neueren Entwicklungsgeschichte der Sozialen Arbeit – zumindest im universitären Diskurs – von einem weitgehenden „Vergessen“ ihres Gesundheitsbezugs gesprochen werden (Schröer / Sting 2006). Für dieses Vergessen lassen sich drei Gründe anführen: haben die historischen Entwicklungen in der Zeit 1. des Nationalsozialismus Bemühungen um die „öf- fentliche Gesundheit“ im deutschsprachigen Raum nachhaltig diskreditiert, denn sie führten unter den Vorzeichen der „Eugenik“ und „Rassenhygiene“ zu massiven Interventionen in die Privatsphäre und das Wohlbefinden der einzelnen Individuen (Hom- feldt / Sting 2006, 54 f.). haben Versuche der disziplinären Selbstbeschrei- 2. bung und Identitätskonstruktion in der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik seit den 1970er Jah- ren thematische Ausgrenzungen und Blindheiten mit sich gebracht (Schröer / Sting 2006, 18 f.). Da die Zuständigkeit für Gesundheit immer schon von anderen Disziplinen für sich beansprucht wurde, eignete sich dieses Feld nicht zur disziplinären Identitätsbildung. Als Folge davon wurden Entwicklungen im Feld der 3. Gesundheit, die für die Soziale Arbeit relevant sein könnten, bisher wenig zur Kenntnis genommen. Dazu zählen z.B. die Bestrebungen der WHO, ein erweitertes Gesundheitsverständnis durchzuset- zen, das neben dem körperlichen auch das psy- chische und soziale Wohlbefinden umfasst, oder gesetzliche Veränderungen wie die Verpflichtung Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art059, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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