Handbuch 5. Auflage

Gesundheit und Krankheit 621 23). Zugleich sind „menschliche Krankheit wie Gesundheit nicht allein naturwissenschaftlich, sondern nur in ihren biotischen, psychischen und sozio-kulturellen Dimensionen und deren wech- selseitigen Zusammenhängen unter ontogeneti- schem, ökologischem und historischem Aspekt zu erfassen“ (Löther 2007, 118). Unter sich wandelnden gesellschaftlichen Bedin- gungen sind neue Wahrscheinlichkeiten zu erkran- ken in den Vordergrund gerückt. Diese werden als „neue Morbidität“ gefasst (Ravens-Sieberer et al. 2007, 871), die weniger durch akute Infektions- krankheiten als durch chronisch-degenerative Er- krankungen wie Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Atemwegserkrankungen und Allergien, durch eine Zunahme psychischer Erkrankungen und durch eine neue Bedeutung die Gesundheit gefährdender Lebensstile und Verhaltensweisen charakterisiert ist. In ähnlicher Weise zeichnet sich bei Kindern und Jugendlichen eine Verschiebung von akuten Erkrankungen zu den chronischen Krankheiten ab, die in starkem Maße durch Le- bensstile und Lebensweisen bedingt sind (z. B. durch spezifische Ernährung und Bewegungsman- gel) (KIGGS 2007), sowie eine Verschiebung von somatischen zu seelischen Auffälligkeiten (z. B. Lernstörungen, Aufmerksamkeits- und Aktivitäts- störungen, Gewaltbereitschaft, emotionale Auffäl- ligkeiten sowie Alkohol- und Drogenkonsum (BMFSFJ 2009, Kap. C)). Diese Tendenz wird auch in den verschiedenen aktuellen Studien des Robert Koch Instituts hervorgehoben (Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2008, 43). Beide Formen neuer Morbidität hängen mit dem Lebensverlauf und den sozioökonomischen Lebensbedingungen eng zusammen und tangieren die Leistungsfähigkeit, die Lebensqualität und die subjektive Gesundheit der Heranwachsenden nachhaltig: „Ein niedriger sozialer Status, Migrati- onshintergrund sowie körperliche Krankheiten und psychische Belastungen gehen mit einer ver- schlechterten subjektiven Gesundheit einher“ (BZgA / RKI 2008, 11). Im Zusammenhang mit dem salutogenetischen Ansatz sind seit Mitte der 1980er Jahre neben gesundheitswissenschaftlichen Arbeiten zu Störungen und Risiken für die psy- chische Gesundheit auch die Schutzfaktoren und Ressourcen in den Blick genommen worden. der gesetzlichen Krankenversicherungen zur „Ver- ringerung sozial bedingter Ungleichheit von Ge- sundheitschancen“ (Altgeld et al. 2003). Die Zurückhaltung der Sozialen Arbeit im Feld der Gesundheit führt dazu, dass gesundheitsbezogene Aufgaben unter der Führung anderer Disziplinen bearbeitet werden (v. a. der Medizin, der Soziolo- gie, der Ökonomie und der Psychologie). Umge- kehrt wird Soziale Arbeit im gesundheitswissen- schaftlichen Diskurs kaum wahrgenommen (exemplarisch Jungbauer-Gans /Hackauf 2008, 9), wodurch letztlich soziale Aspekte von Gesundheit und Krankheit vernachlässigt werden. Die Hinwendung zu einem umfassenden Gesund- heitsverständnis, die Veränderungen im Krank- heitsspektrum und die enorme Bedeutung, welche der Körper und gesundheitliche Belange für die Biografie und das soziale Wohlbefinden der Sub- jekte haben, bieten vielfältige Entwicklungspoten- ziale für die Soziale Arbeit und machen es notwen- dig, dem Thema Gesundheit und Krankheit grundlegend Aufmerksamkeit zu schenken. Zum Verständnis und Wandel von Gesundheit und Krankheit Wie Gesundheit und Krankheit begrifflich zu fas- sen sind, ist in den einzelnen Disziplinen umstrit- ten. Waller (2006, 9 ff.) gibt einen Einblick in ihre begriffliche Vielfalt. In einem für die Soziale Arbeit relevanten Ordnungsversuch wird unterschieden zwischen Gesundheit als Wertaussage, als Abgren- zungskonzept und als Funktionsaussage. In die erste Kategorie ist die klassische WHO-Fassung von 1948 einzuordnen. In der zweiten Auffassung geht es um eine Abgrenzung zur Krankheit und in der dritten Auffassung um Leistungsfähigkeit. Was unter Krankheit zu verstehen ist, ist nicht we- niger umstritten. So ist es sogar in der Medizin kontrovers, ob sie „einen allgemeinen Krankheits- begriff besitzt und wenn, wie dieser zu charakteri- sieren ist“ (Hucklenbroich 2007, 77). In unseren Überlegungen gehen wir von einem dualen Zusammenhang von Gesundheit und Krankheit aus: Gesundheit und Krankheit stellen keine gegensätzlichen Pole dar, sondern sind auf einem Kontinuum zwischen mehr oder weniger gesund bzw. krank angesiedelt (Antonovsky 1997,

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=