Handbuch 5. Auflage
633 Gewalt und soziale Desintegration Von Kurt Möller Gewalt, Gewaltforschung und Soziale Arbeit Gewalt in ihren verschiedenen Facetten gilt gegen- wärtig weltweit als eines der größten und brisantes- ten sozialen Probleme. Dabei ist der Zusammen- hang von Jugend und Gewalt ein Schlüsselthema des internationalen Gewaltdiskurses und der inter- nationalen Gewaltforschung. Vor allem in den letzten ein bis zwei Dekaden ist dazu eine Fülle von wissenschaftlichen Studien erschienen. Zugleich hat sich in den meisten Län- dern ein z.T. breites Spektrum an gesellschaftli- chen Reaktionen entwickelt, um interventiv und präventiv mit dem Problem der sog. „Jugend- gewalt“ umzugehen. Dabei sind prinzipiell re- pressive Maßnahmen, die vornehmlich durch Gesetzgebung, Polizei und Justizapparat durch- geführt werden und oft reaktionistischen Cha- rakter haben, von Anstrengungen zu unterschei- den, in deren Mittelpunkt die langfristig angelegte Veränderung von als gewaltförderlich wahr- genommenen sozialen Infrastrukturen, interper- sonalen Kommunikationsweisen und individuel- len Dispositionen steht. Der Schwerpunkt Sozialer Arbeit im Umgang mit Gewalt liegt im Bereich des zuletzt genannten Typus. Wenn allerdings schon aus nationaler Perspektive in Bezug auf ihre Aussichten, mit ihren verschie- denen Maßnahmen tatsächlich erfolgverspre- chend ursachenbezogene Bearbeitungen der Ge- waltproblematiken vornehmen zu können, Skepsis angebracht ist, weil die Verbindungen von For- schungserkenntnissen und Praxisaktivitäten zu- meist äußerst dünn und unsystematisch sind (Möller 2002), so gilt dies erst recht in interna- tionaler Hinsicht: Es fehlt bislang an Überprü- fungen des thematisch einschlägigen internatio- nalen Forschungsstands im Hinblick auf zu ziehende Konsequenzen für Soziale Arbeit, um Potenziale internationalen Austausches und in- ternationaler Zusammenarbeit identifizierbar zu machen. Dennoch: Durch einen Überblick über zentrale und weitgehend konsensfähige Ergebnisse der in- ternationalen Forschung und die Einbindung dieser Erkenntnisse in einen desintegrationstheoretischen Deutungsrahmen können – auch unter dem hier aus Platzgründen erfolgenden Verzicht auf eine na- tionenübergreifende kritische Darstellung der ‚Landschaft‘ der vorhandenen youth violence pre- vention and intervention approaches (Prothrow- Stith (2002); White 2002; Council of Europe 2007) – einige grundlegende Konsequenzen für er- folgversprechende Herangehensweisen Sozialer Ar- beit herausgearbeitet und in einem kurzen Fazit Perspektiven für das Zusammenwirken von For- schung und Praxis Sozialer Arbeit skizziert werden. Gewalt und Desintegration – Zentrale Ergebnisse der internationalen Forschung Der begrenzte Rahmen dieses Beitrages erlaubt es nicht, die Erkenntnisse der internationalen sozial- wissenschaftlichen Forschung über den Zusam- menhang von Jugend, Gewalt und Desintegration detailliert darzulegen. Deshalb kann hier nur eine gebündelte Auswahl der wichtigsten Fakten und ihrer desintegrationstheoretischen Deutungsmög- lichkeiten erfolgen. Mit dieser Einschränkung sind folgende sechs Punkte zur Gewaltakzeptanz, die hier als Sammelbegriff für Gewaltbefürwor- tung, eigene Gewaltbereitschaft und Gewalttätig- keit mit dem Effekt einer illegitimen physischen oder psychischen Schädigung der Integrität einer anderen Person verstanden wird, in Hinsicht auf Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art060, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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