Handbuch 5. Auflage
634 Möller die Generationenverteilung, das Geschlechterver- hältnis, den sozio-ökonomischen Status, Migrati- onserfahrungen, Bildung und verschiedene Er- fahrungen von Desintegration festzuhalten. 1. Der größte Teil an Gewalt in der Welt wird (und ging immer schon) nicht von Kindern und Jugend- lichen, sondern von Erwachsenen verübt. Kinder und Jugendliche sind überproportional die Opfer einer Gewalt, die von Kriegen, sog. ethnischen Säuberungen, Hunger und von der Erwachsenenge sellschaft produziertem bzw. zugelassenem Elend, Terrorismus, Vernachlässigung, Misshandlung, Miss brauch von Kindern u.ä. ausgeht (Legge 2008; Hu- guet/Szabó de Carvalho 2008). Die beobachtbare Fokussierung der öffentlichen und wissenschaftli- chen Diskussion auf das Problem der durch Jugend- liche ausgehenden Gewalt wird also den Gewich- tungen dieses Problemverhaltens zwischen den Generationen nicht gerecht. Solange Gewalt vor- nehmlich als altersphasenspezifischer Ausdruck gra- vierender Anpassungsprobleme begriffen wird, kön- nenallgemeine strukturelleProblemederHerstellung integrierender Lebensverhältnisse durch Verweise auf individuelles Fehlverhalten und subkulturelle Normabweichungen kaschiert werden (Males 1996). Desintegrationstheoretisch betrachtet zieht diese Sichtweise den Verdacht auf sich, Element eines Ab- lenkungsmanövers zu sein, das die Absicht verfolgt, Verantwortung einseitig der jungen Generation an- zulasten und so der Diskussion über tieferliegende gesellschaftliche Probleme sowie über Notwendig- keiten darauf bezogener Veränderungen vorzubeu- gen. So wird auch weitgehend vermieden, die Ver- antwortung der Erwachsenengesellschaft und speziell ihrer Autoritäten und Eliten für die Modi des Aufwachsens bzw. der Integration der jungen Generation ins Spiel zu bringen (Cockburn 2008). 2. Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Heran- wachsenden ist bei der Zahl von Gewalttätern, mit leichten Abstrichen auch von Gewaltbefür- wortern und Gewaltbereiten, ein immenser mas- kuliner Überhang zu verzeichnen. Je nach Land, Altersgruppe, Herkunftsmilieu, Delikt und ggf. weiteren moderierenden Faktoren etwas unter- schiedlich gehen rd. 75–99% gewaltsamer An- griffe von Jungen und Männern aus. Besonders stark ist ihre Dominanz bei harten Gewaltformen wie schwerer Körperverletzung und Tötungs- delikten (Junger-Tas 1994 sowie zahlreiche Bei- träge in Heitmeyer / Legge 2008). Zugleich sind Jungen und Männer allerdings auch überpropor- tional stark Opfer von Gewalt. Der häufig igno- rierte Umstand, dass Gewalt so gesehen eher ein Männlichkeits-Problem als ein Jugendproblem darstellt, könnte die Vermutung nahelegen, die Schwerpunktsetzung des Erwachsenendiskurses über Gewalt auf jugendliche Täter diene nicht zu- letzt auch dem Nichthinterfragen und damit der Verfestigung geschlechtshierarchischer Verhält- nisse, in denen das männliche Geschlecht die Oberhand hat. Empirisch ist nämlich gut belegt, dass männliche Gewaltakzeptanz sehr stark von Männlichkeitsvorstellungen begünstigt wird, die traditionelle Formen hegemonialer Männlichkeit (Connell 1995) bemühen und in Teilbeständen breite gesellschaftliche Akzeptanz genießen. Desintegrationstheoretisch ist die maskuline Domi- nanz bei der Gewaltaffinität bislang kaum erklärt worden. Es liegt aber nahe, das hier vorliegende In- tegrationsdefizit als eines der „Überintegration“ zu betrachten. Genauer: Die Integration ist eine par- tikularistische. Jungen und Männer orientieren sich innerhalb des Rahmens hegemonialer Männlichkeit an einem archaischen Muster interpersonaler Domi- nanz (beispielsweise repräsentiert in der Vorstellung vom „fairen Kampf Mann gegen Mann“), das für die Mehrheit zwar noch Gültigkeit als Ausweis von Mannhaftigkeit besitzt, in der modernen Gesell- schaft aber weitgehend in symbolische Verhaltens- weisen (Medienkonsum, Kraft- und Kampfsport, Wetttrinken etc.) und in lebensphasenspezifische Experimentierräume (z.B. das spielerisch-kindliche Sich-Balgen oder die pubertären Gerangel von Jun- gen) abgedrängt worden ist. Wer Gewalt auf der Sozialisationsbasis und mit der Legitimation der diesem Muster entlehnten Männlichkeitsnormen ausübt, kann sich genau über das Ausagieren dieses Musters als „echter Mann“ scheinbar integriert füh- len. Mangels gleich attraktiver Alternativen lebens- werter Männlichkeit(-sorientierungen) genießt er die partikularistische Integration, die ihm darüber in der Gewalt akzeptierenden Bezugsgruppe (meist der Peers, manchmal aber auch altersübergreifender Gruppierungenmännlicher Personen) geboten wird. Sie kommt dadurch zustande, dass die im Zivilisie- rungsprozess historisch entstandenen, gleichwohl gesellschaftlich verschwommenen Grenzen zwischen der sozialen Akzeptanz dieses Maskulinitätsmusters im Bereich der Symbol- und Spezialwelten einerseits und seiner gesamt-gesellschaftlichen Ächtung „im
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