Handbuch 5. Auflage

Gewalt und soziale Desintegration  641 Da im Allgemeinen Alltagserfahrungen und nicht kurzzeitpädagogische Programme orientierungs- bildend wirken, muss die Entwicklung Gewalt re- duzierender personaler und sozialer Kompetenzen als integraler Bestandteil der Aktivitäten zur Kon- troll- und Integrationssicherung innerhalb der Bio- graphisierungsprozesse und der Lebenswelten der AdressatInnen betrachtet werden. Genau deshalb sind auch Strategien unzureichend, deren Punktualität darin besteht, Gewaltabbau nur mittels Förderungsmaßnahmen von kognitiver Re- flexivität zu betreiben. So wie Gewalt selbst ganz eindeutig zu einem großen Anteil körperliche und emotionale Aspekte beinhaltet, so müssen auch pädagogisch und sozialarbeiterisch vorgenommene Distanzierungsbemühungen von Gewalt entspre- chend ganzheitlich ausgerichtet sein. 6. Ein bloßes „Anti“ genügt nicht. Wenn das wis- senschaftliche Wissen deutlich aufzeigt, dass Kon- troll-, Integrations- und Kompetenzdefizite die wesentlichen Verursachungszusammenhänge von Gewaltakzeptanz bilden und Gewalt auf diesem Hintergrund als gesellschaftlich inakzeptabler Ver- such von Lebenskontrolle, Integration und Kom- petenz(-ausweis) zu begreifen ist, dann zieht diese Erkenntnis für Gewalt bekämpfende Ansätze von Sozialer Arbeit (aber auch von Politik und anderer Instanzen) nach sich, genau auf diesen Feldern für und mit den Betroffenen funktionale Äquivalente zu entwickeln. So wenig wie bloße Repression kann deshalb ein Konzept der Belehrung von Gewalt- affinen weiterführen. Man kommt nicht umhin, für Lebens- und Sozialisationsbedingungen der jungen Generation zu sorgen, in denen Gewalt deshalb sukzessive (zumindest relativ) überflüssig wird, weil ausreichend andere Formen von Kon- troll-, Integrations- und Kompetenzerleben zur Verfügung stehen. 7. Reaktionismus führt nicht weiter. Denn aus den genannten Punkten ist zu folgern, dass Soziale Ar- beit gegen Gewalt solange auf verlorenem Posten steht und nur Feuerwehrfunktion hat, wie sie sich in Versuchen individuell ansetzender Korrektur von Gewaltauffälligen oder -affinen erschöpft und / oder nur anlassbezogen tätig wird. Insoweit die Ursachen von Gewalt strukturell verankert sind und in den Sphären gesellschaftlicher Interaktionen entstehen, kann die in ihrem Selbstverständnis vielfach eingeforderte ursachenbezogene Strategie Sozialer Arbeit bei der Bearbeitung sozialer Pro- bleme in Bezug auf Gewalt nicht darauf verzichten, sich als langfristig ausgelegte infrastrukturelle Arbeit zu verstehen. D. h.: Neben der Arbeit am Einzel- fall, der Arbeit in Gruppen sowie Aktivitäten im lokalen Gemeinwesen ist eine professionelle Strate- gie politischer Einmischung unabdingbar. Nur sie ermöglicht letztlich, dass über unmittelbare Zu- ständigkeiten hinaus die sozialarbeiterische Verant- wortung für das Aufwachsen junger Menschen in gewaltfreien Verhältnissen eingelöst werden kann, indem die spezifischen Kompetenzen der Profes- sion – u. a. Sozialraumperspektive, Adressatenbe- zug, Lebensweltorientierung und Empowerment- strategien – in Konzepte eingebracht werden, die verschiedene Institutionen, Arbeitsfelder und pro- fessionelle Zuständigkeiten integrieren. Fazit Gewalt ist ein Produkt von strukturellen, inter- aktionalen und individuellen Prozessen. Die Theorie Sozialer Desintegration bietet ein Kon- strukt an, mit dessen Hilfe das Zusammenwirken dieser Prozessebenen betrachtet werden kann. Es hat nicht nur eine große Erklärungskraft in Bezug auf Gewaltphänomene, sondern stellt auch eine anregende wissenschaftliche Folie für die Ent- wicklung praktischer Strategien des Umgangs mit dem gesellschaftlichen Gewaltproblem zur Ver- fügung. Nicht zuletzt die Soziale Arbeit kann da- von profitieren, bedarf sie doch einer integrieren- den Betrachtungsweise, die das Zusammenspiel sozioökonomischer, politischer, kulturell-soziali- satorischer, individueller und situativer Faktoren zur Grundlage ihrer Arbeit macht (z. B. Bleiß et al. 2004; Gulbins et al. 2007). Auch wenn aus lebensgestaltungstheoretischer Sicht Weiterentwicklungsbedarfe bestehen, kann sich Soziale Arbeit mit Hilfe des Desintegrations- Ansatzes neu und ursachenbezogener ausrichten. Sie kann sich dabei auf ihre Grundfunktion zu- rückbesinnen, Arbeit an sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit bzw. an der Herstellung sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit zu sein. In demMaße wie das Konzept international verfolgt und in sei- ner Tragfähigkeit ausgewiesen wird, kann es Soziale Arbeit befähigen, auch über den jeweiligen natio- nalen Tellerrand hinauszuschauen, länderübergrei- fende Anschlussstellen zu finden und sich damit

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